[Wo das Meer stillsteht 4,3]

Lotrecht zum papier

lotrecht zum papier ergreifst du
einen hauch morgendunst – ein ruhiger baum auf dem friedhof
der himmel erwacht im schlafzimmer
mädchen widersetzen sich – dem zügellosen stiel aus licht
eine kleine tag=walnuß hat den nachweis des gehirns eingeäschert
vier jahreszeiten – alkohol erhält den kopfschmerz
hält die gabel fest am schimmernden eßtisch des ozeans
die welt füttert ihren mund mit ihren eig’nen augen

ein gedicht, das niemals endet
lotrecht zum papier – just geschrieben von einem grabstein
überflutet vom strom des fußbodens
blut – eingehämmert in eine leiter aus gefrorenen füßen
zieht in die drängende menge, die die verwesung aufkauft
wieder hält ein morgen die gefühlskälte der uhr aufrecht
eine lotrecht zusammenkrachende straße – sagt
dies sei noch nicht das letzte mal – du seist noch nicht gefallen aufs papier

[Wo das Meer stillsteht 4,2] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,4]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

Veröffentlicht unter wo das meer stillsteht | Kommentar hinterlassen

Say what you mean
     A poem is a lark
     A pie

Jack KEROUAC, Il libro dei blues

willst du schon gehn? wenn du es willst!
laß sie mich töten! noch plaudern wir!
nur eile rettet mich, der frühe wolken säumt
nicht diese dort von auf, es ist, es tagt
sei süß die unsre ja die stimme nicht
des morgens aug’ zum sein zu leuchten
die sonne, die nacht, nicht philomele
im ost des morgens des himmels wölbung
hell und heller die uns armen aus armen
hell? dunkler stets und falsche weisen
gurgelnd müssen gehen hauchend hoch
der schlag uns trifft und reißt uns heiser
ausgebrannt der kerzen talg tagt tag

(vgl. SHAKESPEARE, Romeo und Julia – III, 5)

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

debatten um die rolle des abschieds in unserem haus gab es in der geschichte häufig : meist ging es dabei nicht nur um rein gestikulatorische probleme : die auseinandersetzungen berührten vielmehr grundsätzliche fragen der handordnung und der ethischen bewertung von vermeintlich absichtlicher gesten : deshalb wurden sie oft sehr emotional geführt : das mag außerdem daran liegen : das der bereich der absichten vielen menschen aufgrund seiner abstraktheit fremd und bedrohlich erscheint : und handgreiflicher besitz häufig mit macht und einfluß assoziiert wird : vor diesem hintergrund ist es verständlich : daß der energische und bisher ungebremste eintritt : internationaler absichten in die heimischen gefilde zu heftigen diskussionen geführt hat

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

auf dem feld betreten krähen
den abendschatten des hauses
in den dein gesicht gebettet ist
das erst im zimmer gegenüber
zu der schlafenden sich formt
die sich hinüberträumt in den
abendkelch des mondes, der mich
ausgeträumt aus schlafender form
im vis-à-vis des gegenüber
von dem aus das bett ich gesichtet
hausend im abend des schattens
das feld – licht- nun und krähenlos

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

hin und her wendet
immer neu durchkluftet
was mal gebiß sein wird
den weißen klumpen
kaugummi im rhythmus
der pulsenden nerven

nagt nicht auch das gewissen
das selbst zur prothese wird
wenn alles schlechte dann
doch noch begangen sein wird
heftig am weißen klumpen
des mondes, stets kleiner
oder größer als tags zuvor?
als wolle er nie gleich sich
selbst und andern scheinen

wohin führt uns des Claudius‘ abendlied aber dann? wenn nicht in die verklärung der in der melodei erst beheimateten heimat : wenn die zähre von der linden tropft : und kein schöner land sich nirgend noch benebelt : der weiße nebel : gold´ne sternlein auf den wangen : aber cucurucucu paloma pfeifen : heimat : schrieb pavese sinngemäß : ist ein mythos : der proportional entgegengesetzt zur zeitlichen ferne einer kindheit : blüht : was aber blüht : das welkt : schon der begriff zuhause : läßt die zähne das kaugummi noch schneller rotieren : das kaugummi : das sich ständig wandelnde : aber ist zuhause zwischen den zähnen : (schunkelnd : und der haifisch : der hat zähne)

7 §. Anderweitige Deutung. Einige deuten ihn [i.e. Proteus] auf die Materie der Dinge, als die sich so oft verändert, als Arten der Thiere, Gewächse und anderer Creaturen sind. Baco Verulam. Sap. Vet. c. 13. Eidothea, welche den Rath giebt, ihren Vater zu binden, soll die göttliche Vorsehung seyn, welche der Materie vorschreibt, was aus ihr werden soll. Heraclid. Alleg. Homer. p. 488. Calcagnin versteht durch ihn die Wahrheit, welche im Verborgenen liegt und schwerlich ergriffen wird; Melanchthon aber das Verständniß. Ap. Taubmann. ad Virgil. Georg. IV. v. 387. Andere deuten ihn auf die Kraft der Luft; Nat. Com. l. VIII. c. 8. oder auf einen klugen Mann; auf die Natur selbst; auf die Mannichfaltigkeit der Kleidung, deren sich Proteus Landsleute bedienet. Daher saget denn Taubmann l. c. von ihm nicht unrecht: daß die Gelehrten so viele Auslegungen dieser Dichtung angenommen, als Proteus selbst Gestalten.
Benjamin HEDERICH, Gründliches mythologisches Lexikon

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

Salustius, Über die Götter und die Welt – 6,3

6,3 Die Götter, welche die Welt machen, sind Zeus, Poseidon und Hephaistos; es beseelen sie Demetra, Hera und Artemis; Apollo, Aphrodite und Hermes bringen sie in Einklang, während Hestia, Athene und Ares über sie wachen.

[Salustius 6,2] <<>> [Salustius 6,4]

Veröffentlicht unter salustius | 1 Kommentar

BELÜFTUNG der Arbeitsräume *) bzw. The Fateful Window

Nun habt Ihr mich verlassen, liebste Gefährten Ihr meiner Haft,
Wie war die Zelle warm von Eurer flirrenden Melodie,
     vom Atem Eurer Körperchen, von den tönenden
     Ellipsen Eures stürzenden Fluges.

Ernst TOLLER, Das Schwalbenbuch

weil ich heute einen vogel sah : während ich draußen : mich dem flattergeräusch zuwandte : das vom hause her kam : und das ich schon drinnen zu hören meinte : aber dessen ursache ich nicht entdeckte : einen vogel hinter der fensterscheibe drinnen im haus : erschöpft hielt er in seinem flattern inne : saß einfach nur da : und schaute nach draußen ins vermeintlich weite : dann machte ich ihm das fenster auf : oder besser : vogel-ich und ich-ich : diese ichs zusammengedacht : öffnen das fenster : und fliegen davon : während sie am fenster stehenbleiben : und es wieder schließen : so denkt sich handeln : und handelt denken : unterschreibt mit dem federstrich eines kondensstreifens im morgengrauen : noch vor sonnenaufgang

Auf die Liebe zu Steinmauern und vergitterten Fenstern verfällt jener, der nichts anderes zum Lieben mehr sieht und hat. Beide Male waltet die gleich Schmach der Anpassung, die, um nur überhaupt im Grauen der Welt aushalten zu können, dem Wunsch Wirklichkeit zuschreibt und dem Widersinn des Zwangs Sinn.
ADORNO, Minima Moralia

vernetzte wunschwirklichkeit : das hatten wir schon : eine frage der projektion : potenziert durch die vernetzung : durch das zeitlich unmittelbare : des verbalen im netz : widersinnig versinnlicht : unter der eigenen haut : durch das evozierende : der projektionen : verbal gesteuerte reize : reizworte : so wird alle wirklichkeit zu einer anpassungs-tortur : gegen einen baum laufen : weil er nicht projiziert ist : gegen eine fensterscheibe anfliegen : und draußen stehen : und sehen : was sonst von drinnen gesehen wird : nur daß du dann nicht gegen die fensterscheibe rennst :

Zoyd eyeballed himself in the mirror behind the bar, gave his hair a shake, turned, poised, then screaming ran empty-minded at the window and went crashing through.
Thomas PYNCHON, Vineland

SPRECHER I: So klingt eine Glasscheibe.
SPRECHERIN I: Ach ja?

Alban Nikolai HERBST, Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen

*) sicherheitshalber schrieb ich den text vor, und zwar unter die unterbrochene übersetzungsarbeit. weil er durchaus paßt, ließ ich den titel stehen, unter dem es morgen weiter geht

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

heiße Doktor gar
GOETHE, Faust I

längst schon aufgegeben
habe ich’s am telefon
zu protestieren, wenn
im hies’gen titelrausch
dottore man mich nennt
wenn selbst der barmann
hinterm tresen frech
mich fragend anspricht
„dica dotto‘!“ – und gar
„buon giorno direttore!“
im supermarkt mir alle
brust abschwellen läßt

ein hohes fremdes tier
man kann nie wissen
und eben nicht von hier
o illustrissimo lettore

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

wie tags die sonne sich
die herzen speisend labt
so lässet zur ader deine tränensäcke
mondessichel
wenn sie verschlungen
von hügels kamm
nachtdunkle schwärze kreißt
und versunken dein „das war’s“
zu himmelschreiend weh und ach
und süßem aufstrich
petit-déjeuner-gerecht
gelieren läßt

denn, sagte Scarlett O’Hara
domani è un altro giorno

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

[Wo das Meer stillsteht 4,2]

Abwesenheit

licht auf den körpern der lebenden ist lang schon tot
so wird das weiße – allerorten vertüncht
in der mitte niedergehalten durch aufgeschrecktes vogelgeschrei
geht fort – wie der abgesonderte himmel
ein körper, der in den ozean springt – macht den ozean zu einer wunde
dieses blau wie das blau einer schuld
dieser vom fleisch genötigte morgen übergibt
eine zementlandschaft
enthüllt – die unfähigkeit deiner augen

[Wo das Meer stillsteht 4,1] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,3]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

Veröffentlicht unter wo das meer stillsteht | Kommentar hinterlassen