Rückkehr der Gespenster (November 1917)

Verdreckte Lumpen

Joppen voller Läuse

Ins Gras beißen vor Gewehrläufen, als tote Hand, so kehrt ihr wieder

Eure Klagen, eure zerrissenen Lippen

Was, November-Gespenster, habt ihr mir vorzuwerfen?

Gut, ich bin beleibt und frei gealtert im Frieden

Ich weiß

Müh’ ist und Freude und Schreiben und Singen

Ihr, die man abgepflückt und zum Untergang geführt,

Kaum blieb euch Zeit, euch zu behaupten, fiebernd die Arme auszustrecken

Kaum nannten euch die Mütter beim Namen, wart ihr schon bei den Ahnen

Nein, wir werden zu eurer Ehre keine Blumensträuße niederlegen

Ja, was denn? sagen sie der Reihe nach

Und das plötzliche Tausendstimmengewirr

Läßt alle Krähen auffliegen

Wisse, wir kehren zurück, dir zu sagen, daß du lachen sollst

– Die Kieferknochen noch immer voller Ton und Kreide

Und plötzlich tadeln mich meine Sorgen und meine Angst vor dem Winter –

Tanzen sollst du, so ihr Geschrei, tanzen auf den schrägen Schatten unserer Kreuze, die die ganze Erde einnehmen

Laß die Radieschen rot, das Korn gelb werden

Beiß in den Apfel der Zeit

Platz einfach vor Freude

Lebe

Und deine Novemberhommage gilt alles, was Blumen sind

 

Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXIII

Er beschreibt einen Mühlstein

1
Schau, wie er sich dreht im Kreise;
die Achse steht scheinbar still und doch bewegt sie sich.

2
Wenn er genährt vom Korn des Ackers,
erfüllt er seine Pflicht der Barmherzigkeit.

3
Du glaubst, er werfe uns Silbersand zu,
während doch aber Gold aus ihm regnet.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XXII]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXII

Er beschreibt einen Fluß

1
Schau ihn dir an, sein Wesen entspricht der Natur des Wandelbaren.
Er kriecht gleich einer Schlange, die Wellen ihre schuppige Haut.

2
Wenn über ihn des Zephyrs Pfoten streichen,
kommt er dir vor wie ein Damaszenerschwert.

3
Ich näherte mich dem Ufer, und die Sterne der Nacht
neigten sich, kullerten wie Perlen, die noch ungebohrt.

4
Den Westen durchquerten Lanzen, die nicht abprallten,
die, sah man genauer hin, nichts als Sterne waren.

5
Der Osten hielt in Händen die Alchemie der Sonne,
und ins Silber des Wassers geworfen, ward daraus Gold.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XXI]

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Germains Blumen (November 1917)

Germain
Laß, daß ich ein Weilchen die Blumen trage, die in deinem Garten gediehen
Ich will bei dir sein, wenn die Blütenblätter
Auf dem Eis der Steinplatte
Die braunen Blätter leicht berühren, und das Atmen wieder beginnt
Mitten im November
Am elften, sicher, auch um den elften herum
Waffenstillstand, und um sich greift
ein kleines Glück mit seinem Friedensfest
Sieh die Ailette, Narbe, die zu diesem See geworden, gespickt mit Segeln
Und die Fahrräder, die dort unten einander kreuzen
Kindergeschrei wie Schellengeläut statt rasender Trauerklagen
Die Kleinen laufen am Strand den Vätern in die Arme
Diese nicht toten, nicht durchsiebten, nicht füsilierten jungen Männer,
Die dem alten Jahrhundert den Rücken kehren
Und Hallo sagen zu ihrem Leben
Ganz ohne Schutzhelm und Wickelgamaschen
Germain
Leg deine Blumen mit mir nieder
Ich werde sie täglich grüßen, wenn du zurück sein wirst in der Heimat
Mach dir keine Sorgen
Leg deine Blumen nieder
Ich kümmere mich darum
Ganz sacht, ganz wie mit Fingerspitzen
Sie werden hübsch aussehen im Winter
Ich wohn’ gleich um die Ecke

>>> Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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an der wand
der schatten
der glühbirne
links daneben
spinnwebenreste
wie risse
im mauerwerk

und im gehör
das aufheulen
des kankerwagens

o videsne
daß schatt’ nur
stäupt was
licht nicht weißt?

tramontana
wehte kalt ins haus
ligna super foco

leg nach
schenk ein

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXI

Er beschreibt eine Kerze

1
Eine Lanze aus Wachs, aufrecht im Kandelaber;
und ihre Spitze eine Flamme.

2
Vom Feuer aufgezehrt die Eingeweide,
und gold’ne Zähren drum, die dem Aug‘ entsprießen.

3
Ihr Licht im Finstern erfüllt dasselbe Amt
Wie für uns die Genugtuung in der Empörung.

4
Und wundere mich über sie, die an ihrem Körper zehrt
mit einer Seele, die ihr im Vergehen wird.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XX]

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Auf dem Chemin des Dames (November 1917)

Ein Vogelflug oben im Himmel
Unten im Tal am Ohr das Atmen der Flügel
Das Umblättern einer Seite
Und träume, wie die Schwungfedern, statt gegen den Wind zu kämpfen,
Die Luft unter sich ansaugen,
Sich tragen lassen
Schreibertraum, einmal losgelassen, keine Feder mehr aufs Papier zu setzen und hadern
Mit der Bewußtheit eines Mitten-im-Tag
Um so mehr, als der Wind wieder fährt
Ins wie auch immer tote Tausendlaub
Die Haufen an den Stämmen schmiegen sich ihnen im Anders an
Laub, das den Lockruf der Bestien verbarg
Und bedauern (früher war’s besser) die Zeiten, wo man sich mit Haut und Haar verschlang
Nein, es ist nicht mehr die Zeit der Mord säenden Geschützfeuer
Die Jahreszeiten sind wieder da
Wir werden nicht mehr in den Wald gehen, unsere Cousins zu metzeln
Auf dem Chemin des Dames herrscht Frieden
Schließlich und endlich.

>>> Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XX

Er macht eine Satire auf einen Strauß Blumen

1
So ein Strauß aus wunderschönen Blumen,
und riechst an ihnen und riechen nach nichts.

2
Wie lauter Leute beisammen, und alle picobello,
umsonst das Suchen nach einem Scherflein Bildung.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XIX]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XIX

1
Zu Unrecht straftest du meines Herzens Zärtekeit
mit deines Herzens Härtekeit.

2
Zwangst meinen Körper, siech zu sein;
was denn aber heilte all deine Arzenei?

3
War dir vielleicht die Wut aller Feinde
gerade recht für deinen Geliebten?

4
Wer verleiht mir die schöne Festekeit,
dir deine Härtekeit zu zähmen?

5
Oh! es brennet mein Wunsch in der Ferne,
deine Nähe zu atmen.

6
Warum nicht ein Heer ausschicken, daß dich
zwingt, einen Wangenkuß mir zu gewähren?

7
Eine Wange, in die dein HErr
die Rose seiner Kunst getaucht.

8
Schon bist du geneigt, Frieden zu schließen mit mir,
wie ich geneigt gewesen zum Kriegsfuß mit dir.

9
Schon um deiner Gefallsucht willen,
die deiner Eitelkeit Grazie verleiht,

10
löse von den Ketten ein Herz,
dem deine Liebe das Siegel aufgedrückt,

11
und tu mir einen Gefallen, denn Unglück schon
bescherte der Tadel, mit dem du mich belegt.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XVIII]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XVIII (Bei meiner Seel‘!…)

1
Bei meiner Seel’! Sie meinten, nein, waren sicher sich wegen
gewisser Anzeichen, die den Verliebten verraten,

2
und sagten: “Geht und forscht nach dem Angelpunkt seiner Liebe,
denn keine Kugel ist, die nicht um ihre Achse sich drehe.

3
Befragt ihn und lauscht, ob ihm beim Sprechen etwas entschlüpfe,
damit man entdecke seines Geheimnisses Liebesgrund.”

4
Einige meinten, es sei meine Liebestreulosigkeit
schlimmer noch als der Verrat in Zeiten des Krieges.

5
Denunzianten oder Gefährten, ich fürchtete sie beide,
doch weder jenen noch diesen war’s zu lüpfen gegeben den Schleier,

6
der hauset ganz bei mir an seiner Stelle, wie einer, der
fort gewesen und, wieder daheim, nur sagt: “Es geht mir gut.”

7
Oder gibt es, bei meines Vaters Namen! für mich nicht eine unter den
zarten Mädgen? Und kennten sie diese eine Gazelle aus der Herde heraus?

8
Getötet ward ich, aber ich weiß nicht, bei Gott, wer mich getötet,
um mich an ihm zu rächen vor dem Herrn.

9
Wenn sie mich fragen: “Wem gehört deine Liebe? Wie heißt sie?
Woher kommt deine Trauer? Und welchen Quell hat dein Kummer?”

10
dann nenn’ ich allerlei Leute, und sie schenken mir Glauben,
doch die Zunge spricht nicht so, wie‘s Herze gesinnt.

11
Wollen etwa die Übelredner das Geheimnis dessen durchdringen, der
es verbirgt? Er will as-Suhâ, meint er nicht vielleicht ihre Gefährtin?

[Ibn Hamdîs, Diwan, XVII]

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