und blumen …

und blumen
die eine wie die
rosen die jetzt
gesprossen sind
so frisch wie ihr
kitschiges rosa
ins lächeln gab
als vergehe
ihr eine zeit
die ihr zum grab
geworden hin-
wiederum lächeln

Und mit einem Lächeln bedeckte sie eine lange trübe Zeit, wie ein frisches Grab mit frischen Blumen.

Leopold Schefer, Unglückliche Liebe

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daß ich keine …

daß ich keine
gedichte mehr
lesen kann

denen ein
strahlendes
gebiß
vorangestellt

meins ist künstlich
zum größten teil

manchmal schlafe
ich ohne es

den träumen
ist das egal

im spiegel dann
am morgen
halten die lippen
dicht zueinander

und sagen lieber nichts

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die ich von …

die ich von
oben sah
im regnerischen
afternoon

die schirme

und nur die
jeans

verrieten sich
und mich

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Denkmal für die Lebenden (November 1917)

Mitten im Dorf unterm Friedensbaum
Ihre Namen auf Marmor, an dem Jahrzehnte genagt
Und ein bißchen Angst, meinen eigenen dort zu finden
Aber nein – so die Stimme des Friedens – es ist vorbei
Was da schlägt, schlägt links unter deinem
Pullover
Hier vor meinen Augen ein fast Gleichnamiger
Hatte ganz sicher Frau Gürtel Kinder Gewohnheiten Hämmer Vorurteile Schraubenzieher Kneifzangen
Und Gehorsam dem Gesetz gegenüber, einen gerechten Zorn, Lieblingslieder, Sonntagsmessen
So Gewohnheitsriten
Ich seh’ dich, nenn’ dich, rufe dich
Und meine Alltagsstimme geht unter im Lärm der Anhänger voller Zuckerrüben
Laßt, daß ich lese, laßt, bitte,
Daß aus meinen lebendigen Lippen steige
Der Dunst, der sich vermischt mit Novembernebel
Jede Silbe eurer Namen ein Wesen aus Fleisch und Blut
Das Leben verehrend
Ich, der Lebende, verspreche
Es wird kein Vergessen geben
Du und Du, meine Freunde
Und zuweilen das Wunder einer Antwort eines von ihnen
Der Vorname wie meiner, welche Freude
Seine Mutter, sein Vater nannten ihn, wie mich die meinen nannten, so leicht jetzt die Stille
Daß sich entspinnt ein Zwiegespräch mit dem geteerten Platz
Denk-Mal das Wort, es sagt’s ja schon
Das ist, was bleibt, wenn wir alles vergessen
Das bleibt und ich bin da, bin da
Hier und ungeheuer jetzt Angedenken
Ich komm’ wieder vorbei, Tag für Tag euch zu grüßen

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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noch ungeboren …

noch ungeboren
die hände
im seifenschaum
und hastig
ein himmel
im bleibenstraum

lippen die stumm
sich falten
zum gebet zum
ferme ta gueule
sag jetzt mal nichts

zwar, sie zucken
wissen ums warum

die hände nur noch haut

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Mütter (November 1917)

Prosaische Gottheiten, eingeschlossen in die Nacht der Küchen
Blaue oder weiße Schürzen – ab dreißig dann schwarze
Wir haben die Kleinen gewickelt und nicht gespart
Mit Zärtlichkeiten, unaufhörlich, das einzig Wahre
Am Brunnen der Liebe besänftigte Ängste, nie versiegende Quelle, Milch des Lebens
Es brauchte Schritte, es brauchte Mühen und Nächte
Wer weiß schon, was es bedeutet, mit vollen Armen diese Zärtlichkeit zu leben
Unter der Last, sie wachsen zu lassen, brach unser Körper zusammen
Rituale, ernste Tänze und vor allem Respekt – haben wir ihnen alles beigebracht
Alles – Respekt und nochmals Respekt – es war nie genug
Auf die harte Art erzogen
Sie wurden großgezogen
Und welkten dahin beim Vereiteln ihrer Wünsche, denen sie Gehorsam schuldeten
Dann eines Morgens im Sommer, wenn es dämmert, ohne ein Warum
Wir sahen sie gehen – deutlich noch die Erinnerung an das triefende Taschentuch
Man versieht sie mit Schrott auf dem Kopf, an den Armen
Sie graben – nur dafür haben wir sie empfangen –
Gräber und Gräben
Gräben und Gräber
Ihre schmutzverschmierten Briefe
Voller Liebe für uns in der Ferne und voller Hass für die Vettern dicht dabei
Notfackeln in der Nacht der Ailette
Die ihre erschreckten Gesichter bescheinen
Und im Hagel der Granaten geht alle Ehrfurcht flöten, die ihnen auf der Stirne geschrieben
Heut’ am friedlichen Platz sitzen sie, die Mütter, murmeln leis’ noch die Vornamen
Streicheln Frätzchen, schaukeln gemach ihre kleinen Körper, die sich davonmachen
Ein Lied, das sich erinnert, was hätte sein können
Der Krieg hat nunmehr weder Hoch- noch Nachsaison
Und die Menschen auf der Suche nach etwas Neuem für sich an diesen Herbstufern
Es ist spät, und die Novembermütter da unten haben aufgehört, auf ein “merci” zu warten.

Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXIV (Nicht weiß, daß Lieb‘ in mir wohnt…)

1
Nicht weiß, daß Lieb‘ in mir wohnt, wer tadelnd
ein freies Herz hat und ein frei blickend Aug‘.

2
Meine Leidenschaft, mein Traurigsein, er kennt sie nicht.
So gehe denn hin zu ihm, was mir Leiden schafft, aber nicht das Traurigsein,

3
damit die Flamme der Liebe sein Herz entzünde
in seiner Brust und Schutz dann suche in der meinen.

Ibn Hamdîs, Diwan, XXIII

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Rückkehr der Gespenster (November 1917)

Verdreckte Lumpen
Joppen voller Läuse
Ins Gras beißen vor Gewehrläufen, als tote Hand, so kehrt ihr wieder
Eure Klagen, eure zerrissenen Lippen
Was, November-Gespenster, habt ihr mir vorzuwerfen?
Gut, ich bin beleibt und frei gealtert im Frieden
Ich weiß
Müh’ ist und Freude und Schreiben und Singen
Ihr, die man abgepflückt und zum Untergang geführt,
Kaum blieb euch Zeit, euch zu behaupten, fiebernd die Arme auszustrecken
Kaum nannten euch die Mütter beim Namen, wart ihr schon bei den Ahnen
Nein, wir werden zu eurer Ehre keine Blumensträuße niederlegen
Ja, was denn? sagen sie der Reihe nach
Und das plötzliche Tausendstimmengewirr
Läßt alle Krähen auffliegen
Wisse, wir kehren zurück, dir zu sagen, daß du lachen sollst
– Die Kieferknochen noch immer voller Ton und Kreide
Und plötzlich tadeln mich meine Sorgen und meine Angst vor dem Winter –
Tanzen sollst du, so ihr Geschrei, tanzen auf den schrägen Schatten unserer Kreuze, die die ganze Erde einnehmen
Laß die Radieschen rot, das Korn gelb werden
Beiß in den Apfel der Zeit
Platz einfach vor Freude
Lebe
Und deine Novemberhommage gilt alles, was Blumen sind

Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXIII

Er beschreibt einen Mühlstein

1
Schau, wie er sich dreht im Kreise;
die Achse steht scheinbar still und doch bewegt sie sich.

2
Wenn er genährt vom Korn des Ackers,
erfüllt er seine Pflicht der Barmherzigkeit.

3
Du glaubst, er werfe uns Silbersand zu,
während doch aber Gold aus ihm regnet.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XXII]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXII

Er beschreibt einen Fluß

1
Schau ihn dir an, sein Wesen entspricht der Natur des Wandelbaren.
Er kriecht gleich einer Schlange, die Wellen ihre schuppige Haut.

2
Wenn über ihn des Zephyrs Pfoten streichen,
kommt er dir vor wie ein Damaszenerschwert.

3
Ich näherte mich dem Ufer, und die Sterne der Nacht
neigten sich, kullerten wie Perlen, die noch ungebohrt.

4
Den Westen durchquerten Lanzen, die nicht abprallten,
die, sah man genauer hin, nichts als Sterne waren.

5
Der Osten hielt in Händen die Alchemie der Sonne,
und ins Silber des Wassers geworfen, ward daraus Gold.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XXI]

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