In aller Stille (Dezember 1917)

Wenn ich dann wieder bei mir bin
Trag’ ich zu Markte, was mir an Waffenschrott die Vorderen gelassen
Ich schnapp’ mir die Pfanne und mache uns Eier
Dich lieben werde ich
Lernen werde ich zu bügeln
Du wirst es mir beibringen
Wenn ich dann Hemden und Leinenzeug plätte
Liest du mir vor die Bücher der Könige
Es war einmal
Du wirst meine Marquise sein
Die Zeit mir nehmen, daß Haut und Haut durch Stoffe sich berühren
Oder auch: die Eingeweide der Erde vermessen
Gemeinsam wandern, wenn der Winter kracht, auf den roten Höhen
Ohne etwas zu sagen, uns dort entdecken
Deine Ängste dann vergessen
In der Fülle des Schweigens
Meine Schrecken versenkt’ ich
Dahinein, wo Stille wohnt
Am Horizont unserer Arme fingern nach waffenlosen Frühlingsveilchen
Du wirst sagen
Geh nicht so schnell
Ganz wie du willst
Kein Wort mehr über Kanonen
Stiefel Messer Gemetzel im Schlamm
Ich werde klug sein
Immer die Hand dir drücken, gehend hören, wie dein Herz schlägt
Paris, seine Chansons so zwischen soldatesk und trivial
Wird auch ohne uns einschlafen
Und wir werden gehen zum Spiegelstern
Schweigend
Bis ans Ende der Stille

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Verwünschungen (Dezember 1917)

Für den Chemin des Dames
Sind mir leichte Sohlen lieber
Ob ich, frag’ ich sie dann, übers Feld gehen darf
Es könnte ja sein, daß ich Spuren verwische
Wenn meine Schritte in die ihren geraten
– Mes amis
Ihr ahnt nicht all die Herzen, in denen ihr wohnt, hundert Jahre sind’s
– Das Merci einer Stimme, die hatte man schon gehört
Blumen, Frauenkörper, Küsse, drücken sich an uns
Verheißungen ewiger Liebe
Hielten so lange wie an den Händen
Die Ringfinger die Verlobungsringe
Lang’ aber hielt das Feuer an, verbrannte alles
Ach, wenn du wüßtest
Im Irrsinn der Angriffe das aufreibende Ausheben der Laufgräben
Orkanartig bohrte sich Schrecken tief in die Schädel
Das Ohrensausen, ein ewiger Donner, das uns nimmermehr ließ
Kein Waffenstillstand für solche, die’s eilig haben
Und ohne meine Unterschrift, sagt die Stimme
Ich, sagt sie, hab’ das Ding nicht unterzeichnet
– Merkst du nicht, wie meine Schritte freundlich werden?
Mein sanftes Lied, ganz dir zugewandt
– Ach, laß den Schmu, so laut die Stimme, die sich entfernt
Mein Hass brennt unversehrt
Träum nur fort in deinem behäbige Frieden
Ich bleibe beim Feuer in der Hölle der Täler
Halte die Glut bis zur Nacht bis zum Flug meiner Asche
Im Wind der Geschichte

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Zur Front (Dezember 1917)

Tief atmend, schrill ins Vertikale dann pfeift
Im ausgehenden November der Zug
Dein Schaudern beim bloßen Hauch von Dampf
Alarm Alarm
Du ziehst den Kragen hoch
Dürftiger Schutz vor der Kälte, die kommt
Reibst dir Flugasche aus den Augen
Bereits schwarz geworden, die Finger
Plötzlich nichts als dichter Nebel
Macht sich mürrisch über die Stiefel her
Zieht sich am Mantel empor
Benimmt dir die Eingeweide
Ausharren im Körper, dass sich der Schwaden verzieht
Hinter dir Herbsthusten, Tabakhusten, das überlappt sich
Rüpelworte, als man sich streitige Taschen durchs Fenster reicht
Nichts entgeht dir, wie als wenn – schwarze Gedächtnisnacht –
Der Zug fährt an, ist abgefahren
Dann auf dem Trittbrett ein Weilchen noch im Wind
Umschwemmt als roter Eisschwall Haut und Haar und alles
Und die Mechanik singt dazu – barocke Threnodien
Schwingungen eines gigantischen Nachtinsekts
Du eilst in den Gang – Gestank nasser Kleider, schmutziger Gewohnheiten
Vor dem Hintergrund dumpfen Knatterns sind nur noch
Zu hören die langsamen Ruder des Bootes
Die den Bug ins Vage vorstoßen lassen
– Stumme Kadenz –
Und resigniert
Läßt du die Stirne sinken

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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peripherien lesen …

peripherien lesen
ihre geräusche
ihr klopfen an der tür
als ihm die kippe

den aschenbecher
auf dem ungeraden
tisch schaukeln ließ

mich umdrehen zur tür
mit den achseln zucken

ein “du nicht” behaupten

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s’intendessi …

s’intendessi
“sentimenti”
le parole non le avrei
scelto
“sapientemente”
e i fiori puzzan
di cimitero
di pensieri
e le rose d’autunno
sono assenze
e tutt’un tutt’i santi

nel bisogno la parola
non ha bisogno di dire
bisogno, ma s’inizia

 

[in polemica con una poesia di Alda Merini citata su fb che non mi convince:
“Ho bisogno di sentimenti,
di parole, di parole scelte sapientemente,
di fiori detti pensieri,
di rose dette presenze”]

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Speigel („Mirror“ von Sylvia Plath)

Silbern bin ich, haarscharf. Vorurteile? Kenn ich nicht.
Was auch immer ich seh’, ich schling’s hinunter
So wie’s ist, ob es nun schmeckt oder nicht.
Nein, ich bin nicht grausam, nur ehrlich –
Auge eines kleines Gottes, viereckig.
Meistens meditier’ ich an der Wand gegenüber.
Sie ist rosa, hat Flecken. Lang’ schon sah ich sie an.
Und denk’ sie als Teil meines Herzens, ihr Flackern.
Immer wieder trennen uns Gesichter und Dunkelheit.

Jetzt bin ich ein See. Eine Frau beugt sich über mich.
Versucht, in mir zu erhaschen, was sie wirklich ist.
Ihr Blick dann wieder Lüge, ob Kerzen oder Mond.
Ich seh’ ihren Rücken und spiegel ihn treu.
Sie belohnt mich mit Tränen und Händen, die flehen.
Ich bin ihr wichtig. Sie kommet und gehet.
Jeden Morgen ihr Gesicht, das die Dunkelheit ersetzt.
In mir ertränkte sie ein Mädchen und ein altes Weib
Nähert Tag für Tag sich wie ein scheußlicher Fisch.

Original von Sylvia Plath u.a. hier

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ich altes weib …

ich altes weib
ich schneid’ mir ab
die zung’
die zichten will

wie mit reisig
der buckel
beladen dort aus
dem wald

sag nichts dem
weiher dort
der beschimpft
was in ihn schaut

und sich zichten
da labet sich
wer am kragen hat
als -chen -chen -chen

den, der selbst
sich meint
im altweibbild
als -chen -chen -chen

gewölk zieht auf
und “völkchen” sind’s

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Fronturlaub (November 1917)

Und dann bekam er ihn
Zwei Jahre drauf gewartet, er weiß es nicht mehr
Er hört
Im kalten Raum, wo man’s ihm sagte
Den einen Offizier sich lustig machen
Es solle gefälligst aufpassen
Daß ihm der Frieden
Nicht den Boden unter den Füßen entziehe
Rundum beißende Stille
Statt scheußlicher Taten
(Wie viele noch? Die fallen – müssen?)
Und dann Retour charmantes Getue
Freude Tätscheln Schulterklopfen Lächelei
Es kommt ihm wie nicht wirklich vor
Nur, daß es im Gedächtnis haften geblieben
Er verläßt das Rathaus
Wehrpass in der Hand und die Treppe hinab
November-Sonnenuntergang, der auf seiner Stirn explodiert
Tränen auf dem Kragen der Matrosenbluse
Schritte auf Kies wie auf dem Weg zu Mireilles Haus
Sonnenräder werden kommen, später dann Mimosen – aber da ist er wieder fort
Unglaublich dröhnt das Mittelmeer
Pass auf, daß du nicht verrückt wirst
Oh ja, daß er sich rasiert, wird ihm keiner nehmen
Glatt proper gravitätisch wahrhaftig: Er
Endlich das Klavier berühren und Mireille, die Bücher
Und dann zwei Wochen lang verlegen, stumm, das Erröten
Bis die alte Maschine
Ihn wieder aufnimmt
In ihre Stahlbacken inmitten Schlamm und Regen

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Kummerchor (November 17)

Nach dem Vorbild ihrer Scheunen
Errichteten unsere Kawenzmänner Kirchen und Abteien
Die sie ins Tal stellten
Es hübsch zu machen und zu meditieren
Fromm im Schatten
Der Jahrhunderte während
Ihre Handflächen dem Stein ihre Liebe zur Jungfrau übertrugen
– Erträumt von Kindheit an neben dem Knistern der Kaminfeuer –
Ruhig lächelte die sinnliche Schönheit
Eine lange lange Zeit
In ihr vermischten sich Mutter und Freundin
Ich war das Kind auf dem linken Arm
Im Schutz der eleganten Falten der Madonna
Eines Tages dann – ohne Vorwarnung ohne Grund –
stürzten sich Berserker auf die wohlgefügten Blöcke
Und was Meisterhand erschaffen, fiel in den Bach
Zerbröckelte im Wasserlauf
Granaten Maschinengewehre der Schreie untröstliches Echo
Alles vereinte sich gegen die kunstvollen Chöre
Katapultierte Kapitelle geplatzte Tympana
Das Lächeln des Engels dem entvölkerten Himmel zugewandt
Schiffe versanken und Kirchenfenster
Was in den Kreuzgängen zerbarst, kippte um in wilder Empörung
Und wir heute hier
Befragen die Ruinen an den Nachmittagen im November
Das Tal ist hell, vag nur erheben die Schemen
Der Pfeiler sich über der verbliebenen Leere
Verstimmt gesungene Psalmen der Stille in Moll

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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wenn’s deucht …

wenn’s deucht
glaub nicht dem dir
nicht mehr als dem
was feucht
über wangen
dir an licht
die lampe gießt
die spiegelt sich
und glaub es sei
ein docht
ihm doch erlaubt
zu dünken
daß dir leucht’
ein wenglein licht

so dicht‘ ich dich

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