Die Bräute (November 1917)

Wenn der weiße Nebel steiget…
Wunderbar? Nein, wie Krätze und Läuse
Ein Stoßen und Drängeln hebt an auf dem Chemin des Dames
Die Bräute sind’s von Hurtebise
Immer wieder im November, sie fluchen und fluchen
Sie, Verlobte
Sie, Liebende
Sie, Geliebte
Ungewitter, jungfräulich, wirbelt
Aus jedem Schritt, lassen Erde erzittern
Die in ihr liegen, die Männer, ihr war einmal
Flehen weder Gott noch Himmel an
Ihr Schreiten skandiert ein Fuchsteufelswild
Und weh dem, der sich vertrödelt auf dem Chemin
Schwarz gehagelt, von Schloßen erschlagen
Verschluckt vom Mitternachtssturm
Junge Frauen, immer wieder, wie Wellen
Knurren und schreien und heulen
Wo die Verlobten, was Leib uns und Lieb’ ist gewesen?

Unersättlich der beißende Kuß in die Wange
Ich lehne mich gegen die Friedhofsmauer
Sei, Himmel, mir gnädig

Sonst bin, in dem Wirbel, ich vollends verloren.

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Danach (November 1917)

Nach dem Krieg
Zurück im goldenen Zeitalter
Mit deinen Augen als Fenster
Deine Träume wieder beschreiten: Weizen- Wiesen- Dickichtsein
Blaue Streifen weiße Streifen
Schwarze Spiegel teichgeboren
Deine samt’nen Lider
Meinen Küssen opfern
Ade Granaten, ade das Laden und Abfeuern der Gewehre
(Wie auch sollte mich das trösten?)
Ich seh’ doch deine Augen
Leben hat Wert dein Licht
Frei sein mit dir
Anliegen an deinen Wangen
Atem, der spielt mit verlorenen Locken
Und meinem Kummer, der plötzlich ausgelöscht sein wird.
Um dann etwas anderes zu wollen, ein anders anderes
Ein Kind vielleicht
Dessen warm pulsierender Körper
Das wahre Ende der Finsternis
Leben Überlebende
Die unsere waren für so kurze Zeit

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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diese sätze …

diese sätze
denen du
nicht glaubst
und auch nicht
den farben
der blüten über
den schlaff
herabhängenden
blättern

ihr halb und halb
und überhaupt
blumen!
die farben
der wörter
die sich nicht
fügen

schwarze punkte
rostiges eisen
eine wolke zog
und zieht vorüber

steh’n dann im tröpfeln
die sich straffenden
blätter berühren

diesen satz glauben
die farben verlieren

schwarze punkte
die sich verdichtend
den tag ausradieren

selbstlaut werden

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXVI (Er antwortet auf zwei Verse…)

Er antwortet auf zwei Verse, die ihm der maghrebinische Dichter geschrieben, der nach Ägypten gegangen und dann zurückkehrt war

1
Glänzt vielleicht dein Brief durch die Ornamente, mit denen ihn verziert,
der ihn schrieb, oder ist dort ein Garten, über den sich Wolken ergossen?

2
Oder wurden aus höchster Sphäre, und es kann nicht anders sein,
auf die Zeilen die leuchtenden Sterne versetzt?

3
Doch erfrischte ich mein Auge mit einem seiner farqad (*),
der leuchtend glänzt neben seinem Gefährten.

4
Du gingst an Ägyptens Horizont auf, und dein Licht breitete sich aus,
und sie sagten: „Ein Mond geht auf im Westen.“

5
Im Westen liegt der Ozean, und die Gezeiten seiner Wellen
haben bereits den ägyptischen Nil überstiegen.

6
Und als er im Rückfluß sich zurückzog, hinterließ er bei den Leuten
allerlei Wunderdinge, von denen überall die Rede ist.

7
O Ritter der Dichtung, dessen Rivale beim Improvisieren
ausgefallener Dinge mit dem Tode Zuhayrs gestorben ist.

8
Du bist wie das Meer, das von selbst überquillt, ob schon
die Flüsse seiner Ufer ihm nicht in ganzer Fülle zufließen.

(*) farqad (so im italienischen Original der Übersetzung aus dem Arabischen belassen): „Den Polarstern stellte man sich als Antilopenkalb (farqad) vor. Häufig werden die beiden Sterne α und β des kleinen Bären die beiden Antilopenkälber al-farqadân genannt [der Polarstern entspricht dem Stern α]. Des al-Farqad gedenken die Dichter häufig als ihres treuen Genossen auf nächtlichen Reisen […]. Georg Jacob: Altarabisches Beduinenleben. Berlin 1897.

Ibn Hamdîs, Diwan, XXIV

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXV (Wie viele Flüchtlinge…)

1
Wie viele Flüchtlinge, nach denen die ferne Geliebte seufzt!
Wie viele Verzweifelte, deren Andenken die Betrübte quält!

2
Die Traurigkeit über die Trennung ward Herr über uns,
aber wer weiß, ob nicht schon bald der Nähe Trost…

3
Und wenn wir uns dann treffen, werden unsere Seelen
zu Ärzten, die einander heilen.

Ibn Hamdîs, Diwan, XXIV

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Ein Vater (November 1917)

Er hatte hunderttausend Schritte gemacht
Er hatte sogar versucht, zweihundert Nächte zu schlafen
Seit der zweiten, da er’s erfahren
Aber er blieb auf dem Platz für immer
Stehen
Benommen
Steinern
Taub geworden
Dem Gesang der Vögel und mehr noch den Schritten der Kinder
Den von der Sonne angestrahlten quietschenden Scharnieren
Die Uhr hätte nicht weiterschlagen dürfen
Als der Bürgermeister zu sagen wagte – sachlich grimmig gewichtig –
Tot ist dein Junge dein Soldat
Andere Wörter drängelten sich vor
Held Medaille Feld der Ehre
Er stieß den Bürgermeister mit beiden Händen von sich
Er spürte, er würde sich nicht mehr trauen zu sagen
Mein Sohn
Er sah ihn wieder lachend und tanzend beim Pflügen
Wie mit dem Fahrrad er Pfützen aufspritzen ließ
Zum damisch werden
Dann dauerte es
Eine Zigarette drehen die Zeitung kaufen ein Glas mit Frau und Freunden
Alles auf immer pas possible pas possible pas possible

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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und blumen …

und blumen
die eine wie die
rosen die jetzt
gesprossen sind
so frisch wie ihr
kitschiges rosa
ins lächeln gab
als vergehe
ihr eine zeit
die ihr zum grab
geworden hin-
wiederum lächeln

Und mit einem Lächeln bedeckte sie eine lange trübe Zeit, wie ein frisches Grab mit frischen Blumen.

Leopold Schefer, Unglückliche Liebe

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daß ich keine …

daß ich keine
gedichte mehr
lesen kann

denen ein
strahlendes
gebiß
vorangestellt

meins ist künstlich
zum größten teil

manchmal schlafe
ich ohne es

den träumen
ist das egal

im spiegel dann
am morgen
halten die lippen
dicht zueinander

und sagen lieber nichts

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die ich von …

die ich von
oben sah
im regnerischen
afternoon

die schirme

und nur die
jeans

verrieten sich
und mich

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Denkmal für die Lebenden (November 1917)

Mitten im Dorf unterm Friedensbaum
Ihre Namen auf Marmor, an dem Jahrzehnte genagt
Und ein bißchen Angst, meinen eigenen dort zu finden
Aber nein – so die Stimme des Friedens – es ist vorbei
Was da schlägt, schlägt links unter deinem
Pullover
Hier vor meinen Augen ein fast Gleichnamiger
Hatte ganz sicher Frau Gürtel Kinder Gewohnheiten Hämmer Vorurteile Schraubenzieher Kneifzangen
Und Gehorsam dem Gesetz gegenüber, einen gerechten Zorn, Lieblingslieder, Sonntagsmessen
So Gewohnheitsriten
Ich seh’ dich, nenn’ dich, rufe dich
Und meine Alltagsstimme geht unter im Lärm der Anhänger voller Zuckerrüben
Laßt, daß ich lese, laßt, bitte,
Daß aus meinen lebendigen Lippen steige
Der Dunst, der sich vermischt mit Novembernebel
Jede Silbe eurer Namen ein Wesen aus Fleisch und Blut
Das Leben verehrend
Ich, der Lebende, verspreche
Es wird kein Vergessen geben
Du und Du, meine Freunde
Und zuweilen das Wunder einer Antwort eines von ihnen
Der Vorname wie meiner, welche Freude
Seine Mutter, sein Vater nannten ihn, wie mich die meinen nannten, so leicht jetzt die Stille
Daß sich entspinnt ein Zwiegespräch mit dem geteerten Platz
Denk-Mal das Wort, es sagt’s ja schon
Das ist, was bleibt, wenn wir alles vergessen
Das bleibt und ich bin da, bin da
Hier und ungeheuer jetzt Angedenken
Ich komm’ wieder vorbei, Tag für Tag euch zu grüßen

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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