wär‘ klein ich nicht …

wär’ klein ich nicht
(verkleinicht noch?)
ich hielt’s kaum aus
im hohen gras

I’ve been here
when it happened
warum auch nicht

das versöhnen
ein verhöhnen
du deines vaters
geworden bist ‘ohn

viel tau senden jahre
genannt auch minktion

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Gegenwart (Dezember 17)

Das Brot, das ich beiß’
Die Zeit, wo ich sterb’
Der Wein, den ich trink’
Das Blut, das mir fließt
Der Schrei, der entfährt
In der Angst vor dem schweren Feuer
Meine ferne Liebe, endlos lang ihre Liebkosungen
Beine, Arme, Gesicht und Herz, Körperorte, entblößt
Wer könnte das sein, törichtes Hoffen auf Unterröcke und Lippen
Dargebracht dem rationalen Kugelregen einer Zufallsspucke

Kennst du den Chemin, auf dem die Granate blüht
Und die Damen, sag, wohin sind sie gegangen

Es läuft die Zeit der Farben ab
Nur noch das Blau für meine unreife Seele
Die Verbände saugen unaufhaltsam Blut
Ich sehe das Rot des Grauens aufsteigen
Irgendein Morgengrauen naht
Der äußerste Punkt dort vielleicht
Zähne, dich sich festbeißen an der Tabakspfeife
Dich macht das Säkulum zum Narren, dem der Kragen platzt
Ich warte auf die grüne Nachlässigkeit der Dinge
Öffne die Tür des Tages
Und sehe immer noch den Himmel aufsteigen
Über der kurzen Spur des jetzigen Weiß
Wo ich überlebe

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Der Feind (Dezember 1917)

Die Minuten, zwischen zwei Angriffen zu leben
Sind gefährlich
Was macht der Feind,während ich träume oder esse
Ist dieses Brot, in das ich beiße, so anders als das seine
Auch er träumt
Tod Verletzung Hunger Tabak Liebe
Die Fotos, über die sein Daumen streicht
Angelehnt an den Lehm der Gräben
Wie sich das Lächeln ähnelt
Hier, auf diesem Feld, die Saat der Leichen Helme Uniformen
Der Feind und ich, wir könnten
Es ist ja noch immer der Chemin des Dames –
Ein Podest errichten aus weißem Holz
Samt Einladung zum Tanz, nicht ohne Glas in der Hand
Er den Walzer, ich den Java
Einfach nur gestikulieren statt reden
Ihre, scheint’s, so ganz anderen Worte
Als unsere
Hier endlich das Eigentliche des Krieges
Mein Bajonett in dein Gedärm – Silbenstecherei
Obskures Barbarengelall
Mag lieber taub sein auf diesem Ohr
Im Geschwirr der seltsamen Lügen
Mein Freund
Le Rhin ne justifie pas la mort de l’autre
Ni de l’un

[Der Rhein, Du weißt schon,
Er fließt, sehr breit und fern
Für unsereinen
Hat weder Gunst noch Tod
Aber er hat Ufer!]

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Vertraulichkeiten (Dezember 1917)

Es schrie es schrie es schrie
Im Haß sich verstrickende Selbstlaute
Heimkehren voll widerwärtiger Gewohnheiten
Spucken Trinken Rauchen Frauen Beschimpfen
Eine europäische Erziehung
Erbärmlich und blutig
Alle Wege führen in den Irrtum
Schade drum
Die vermessenen Därme
Die der Königsweg zur Tugend sein sollten
Das antike Fett, das Rom gewesen

Und hier, Freund, dein Skelett, offener Kiefer
Ich erinnere mich an unser abgehacktes Flüstern
Im Schützengraben
Rote Flüssigkeiten, die in den Hals eindringen
Immer noch fließen
Jugend Trunkenheit
Wer soll jetzt erzählen die Bekenntnisse deiner Frau
Laken umarmen und Phantome liebkosen
Ich weiß noch die Haare
Die Sprachmacken deiner Schönen
Ihr scharfes Lachen, das im Kugelhagel imitiert wurde
Derjenigen, die dich heiraten wollte und dir sagte
– Ich erinnere mich an seine Handschrift, vom Finger unterstrichen –
Du weißt, ich lieb’ dich sehr
Entzückt lachtest du und lachtest und lachtest
Dann geriet deine Stimme wieder ins Murmeln
Dich lieben würd’ ich ungemein, zwischen Zähnen herausgepreßt
Und sollt’ ich dran krepieren

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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In aller Stille (Dezember 1917)

Wenn ich dann wieder bei mir bin
Trag’ ich zu Markte, was mir an Waffenschrott die Vorderen gelassen
Ich schnapp’ mir die Pfanne und mache uns Eier
Dich lieben werde ich
Lernen werde ich zu bügeln
Du wirst es mir beibringen
Wenn ich dann Hemden und Leinenzeug plätte
Liest du mir vor die Bücher der Könige
Es war einmal
Du wirst meine Marquise sein
Die Zeit mir nehmen, daß Haut und Haut durch Stoffe sich berühren
Oder auch: die Eingeweide der Erde vermessen
Gemeinsam wandern, wenn der Winter kracht, auf den roten Höhen
Ohne etwas zu sagen, uns dort entdecken
Deine Ängste dann vergessen
In der Fülle des Schweigens
Meine Schrecken versenkt’ ich
Dahinein, wo Stille wohnt
Am Horizont unserer Arme fingern nach waffenlosen Frühlingsveilchen
Du wirst sagen
Geh nicht so schnell
Ganz wie du willst
Kein Wort mehr über Kanonen
Stiefel Messer Gemetzel im Schlamm
Ich werde klug sein
Immer die Hand dir drücken, gehend hören, wie dein Herz schlägt
Paris, seine Chansons so zwischen soldatesk und trivial
Wird auch ohne uns einschlafen
Und wir werden gehen zum Spiegelstern
Schweigend
Bis ans Ende der Stille

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Verwünschungen (Dezember 1917)

Für den Chemin des Dames
Sind mir leichte Sohlen lieber
Ob ich, frag’ ich sie dann, übers Feld gehen darf
Es könnte ja sein, daß ich Spuren verwische
Wenn meine Schritte in die ihren geraten
– Mes amis
Ihr ahnt nicht all die Herzen, in denen ihr wohnt, hundert Jahre sind’s
– Das Merci einer Stimme, die hatte man schon gehört
Blumen, Frauenkörper, Küsse, drücken sich an uns
Verheißungen ewiger Liebe
Hielten so lange wie an den Händen
Die Ringfinger die Verlobungsringe
Lang’ aber hielt das Feuer an, verbrannte alles
Ach, wenn du wüßtest
Im Irrsinn der Angriffe das aufreibende Ausheben der Laufgräben
Orkanartig bohrte sich Schrecken tief in die Schädel
Das Ohrensausen, ein ewiger Donner, das uns nimmermehr ließ
Kein Waffenstillstand für solche, die’s eilig haben
Und ohne meine Unterschrift, sagt die Stimme
Ich, sagt sie, hab’ das Ding nicht unterzeichnet
– Merkst du nicht, wie meine Schritte freundlich werden?
Mein sanftes Lied, ganz dir zugewandt
– Ach, laß den Schmu, so laut die Stimme, die sich entfernt
Mein Hass brennt unversehrt
Träum nur fort in deinem behäbige Frieden
Ich bleibe beim Feuer in der Hölle der Täler
Halte die Glut bis zur Nacht bis zum Flug meiner Asche
Im Wind der Geschichte

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Zur Front (Dezember 1917)

Tief atmend, schrill ins Vertikale dann pfeift
Im ausgehenden November der Zug
Dein Schaudern beim bloßen Hauch von Dampf
Alarm Alarm
Du ziehst den Kragen hoch
Dürftiger Schutz vor der Kälte, die kommt
Reibst dir Flugasche aus den Augen
Bereits schwarz geworden, die Finger
Plötzlich nichts als dichter Nebel
Macht sich mürrisch über die Stiefel her
Zieht sich am Mantel empor
Benimmt dir die Eingeweide
Ausharren im Körper, dass sich der Schwaden verzieht
Hinter dir Herbsthusten, Tabakhusten, das überlappt sich
Rüpelworte, als man sich streitige Taschen durchs Fenster reicht
Nichts entgeht dir, wie als wenn – schwarze Gedächtnisnacht –
Der Zug fährt an, ist abgefahren
Dann auf dem Trittbrett ein Weilchen noch im Wind
Umschwemmt als roter Eisschwall Haut und Haar und alles
Und die Mechanik singt dazu – barocke Threnodien
Schwingungen eines gigantischen Nachtinsekts
Du eilst in den Gang – Gestank nasser Kleider, schmutziger Gewohnheiten
Vor dem Hintergrund dumpfen Knatterns sind nur noch
Zu hören die langsamen Ruder des Bootes
Die den Bug ins Vage vorstoßen lassen
– Stumme Kadenz –
Und resigniert
Läßt du die Stirne sinken

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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peripherien lesen …

peripherien lesen
ihre geräusche
ihr klopfen an der tür
als ihm die kippe

den aschenbecher
auf dem ungeraden
tisch schaukeln ließ

mich umdrehen zur tür
mit den achseln zucken

ein “du nicht” behaupten

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s’intendessi …

s’intendessi
“sentimenti”
le parole non le avrei
scelto
“sapientemente”
e i fiori puzzan
di cimitero
di pensieri
e le rose d’autunno
sono assenze
e tutt’un tutt’i santi

nel bisogno la parola
non ha bisogno di dire
bisogno, ma s’inizia

 

[in polemica con una poesia di Alda Merini citata su fb che non mi convince:
“Ho bisogno di sentimenti,
di parole, di parole scelte sapientemente,
di fiori detti pensieri,
di rose dette presenze”]

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Speigel („Mirror“ von Sylvia Plath)

Silbern bin ich, haarscharf. Vorurteile? Kenn ich nicht.
Was auch immer ich seh’, ich schling’s hinunter
So wie’s ist, ob es nun schmeckt oder nicht.
Nein, ich bin nicht grausam, nur ehrlich –
Auge eines kleines Gottes, viereckig.
Meistens meditier’ ich an der Wand gegenüber.
Sie ist rosa, hat Flecken. Lang’ schon sah ich sie an.
Und denk’ sie als Teil meines Herzens, ihr Flackern.
Immer wieder trennen uns Gesichter und Dunkelheit.

Jetzt bin ich ein See. Eine Frau beugt sich über mich.
Versucht, in mir zu erhaschen, was sie wirklich ist.
Ihr Blick dann wieder Lüge, ob Kerzen oder Mond.
Ich seh’ ihren Rücken und spiegel ihn treu.
Sie belohnt mich mit Tränen und Händen, die flehen.
Ich bin ihr wichtig. Sie kommet und gehet.
Jeden Morgen ihr Gesicht, das die Dunkelheit ersetzt.
In mir ertränkte sie ein Mädchen und ein altes Weib
Nähert Tag für Tag sich wie ein scheußlicher Fisch.

Original von Sylvia Plath u.a. hier

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