[Wo das Meer stillsteht 2,18]

Gefängnisinsel

das licht baut seinen tempel säule um säule
das licht graviert wörter in das träge braune gestein und liest am ufer des meeres
der mai ist ein hotelbett
der morgen reitet einen hellblauen, an träumen klebenden körper
den man im dunkeln geweckt
das breite blatt des meeres balanciert auf einem weinglas
ein tag geleitet dich in ein körnchen lebendigen kristalls

die inseln, die du nie erreicht
und die du nie verlassen

der pechschwarze sturm ist ein segelschiff
immer noch beklagen sich die gefangenen tränenreich in der brandung – heimwehkrank
stellen sich einen pflug vor, von ihren körpern gezogen
stellen sich körper wie körperlose vögel vor
wenn du ausgetrunken bist, kommt die flut
und achtest dein leben lang auf das versiegen deines ozeans

sickert unbarmherzig in deinen körper

das weiße maipferd sickert in die trunkenheit
galoppiert um dich herum und öffnet den grünen aufstieg und fall der haut
augen, die über gefängnisinseln hinausschauen, sind selber gefängnisse
das licht peinigt einen tunnel am grunde des meeres
hohles inselchen, dich bläht von innen
schmerz – ist unlöschbare lampe
noch mehr schmerz – das meer schießt hinter dem morgen hervor
noch ein tag schießt tief hinab in eine fatale richtung

das ende ist lang und mühselig
das ende selbst hat keins

[Wo das Meer stillsteht 2,17] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,19]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

Veröffentlicht unter wo das meer stillsteht | 1 Kommentar

you have entered the labyrinth

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | 2 Kommentare

Er: (kratzt sinnend [und summend [hinnend und hummend]] sich den Hinterkopf mit seinem Kleinenfingernagel)
Ich: Ich wünschte wohl dich anders
Er: (fliegt hinweg)
haschende hand vollbrachte luftgesten, ruderte vergeblich, kollidierte beinah’ mit einer wespe, griff spinnweben, schüttelte sie fort, winkte schließlich verdrossen dem punkte zu, an dem er sich ans blaue himmelszelt genagelt. da hanget er nun, kratzt fort und fort, es rieselt sein schorf und bestaubet feld wald und flur, und auch die bücherregale und den schreibtisch, das auto auch – nein, das war wohl doch eher der idiotische jeep-fahrer gestern, der mich auf der unbefestigten straße partout überholen mußte, weil er etwas pummeliges dabei hatte, dem er wohl zeigen wollte, wie geil sein jeep und ergo er wohl sei (ich umfangen von einer zwar weißen aber unhimmlischen wolke) -, gleichwohl substrat, mit dem finger in es (das staubige) hinein zu schreiben, z.b. „wasch mich“
Er: (läßt ein H fallen)

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

Salustius, Über die Götter und die Welt – 3,4

3,4 Darüberhinaus verleitet der Anspruch, Allen die Wahrheit über die Götter zu lehren, die Törichten zur Verachtung, wegen ihres Unvermögens zu lernen, und die Ernsthaften zur Lässigkeit; während das Aufdecken der Wahrheit durch die Mythen den Einen die Verachtung unzugänglich und den Anderen die Liebe zur Weisheit unvermeidlich werden läßt.

[Salustius 3,3] <<>> [Salustius 3,5]

Veröffentlicht unter salustius | Kommentar hinterlassen

guten tag meine name ist ich bin verrückert dies ist mein liebertagebuch die buchstaben r, s, b, d sind austauschbar auch wenn ich das wort hasen oft mit zwei s schreibe das macht aber nichts, sofern es sich ja doch immer um eine fortbewegung handelt nicht schon um eine hinbewegung, und schon gar nicht um eine pendelige hin- und herbewegung wenngleich es über dem häschen in der grube bedrohlich abwärts schwingt und das zittern des atems das aufgeregte quieken der ratten fast schon pneumatisch zur metapher erhebt wenn ich’s jedoch recht bedenke ist in der fortbewegung aber doch eine hinbewegung enthalten nur kennt man beim panischen weglaufen nicht den punkt der das fort immer in ein hin verwandelt insofern also hin ein synonym für ziel und fort für start (was interessante aussagen erlaubt: zum starten eines motors drückt man auf „fort“, die hins unseres unternehmens stehen ganz im zeichen einer philosophie der quälität, sich fortbereit machen, mehr erfolg durch hingerichtete krebstherapien, unser fort heißt Laramy) das her ist dabei nicht so sehr start als ausgang/ursprung dem eine flucht entspricht und somit für alle DPs wie mich gelten mag, denen jedoch auch ein paniksubstrat als luftkissen dient – wie sonst schnell den ärmelkanal überwinden…

wildes denken

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | 2 Kommentare

Er: friendship first competition second.
Ich: uuuh, die uralten chinesisch-lektionen der kommunistischen volkszeitung!
Er: hast dich ja selber mal hung tschu tse genannt…
Ich: vergiß es.
Er: warum?
Ich: lektüre-reflexe: das buch me-ti.
Er: das nennt man dann weisheiten, die der exotische preis qua v-effekt in der gedankenbörse attraktiver erscheinen läßt. je weiter fort, desto hopp!
Ich: kyniker!
Er: chinesen essen sowas gern: hundefleisch…
Ich: dann laß dich dort lieber nicht blicken!
Er: gleich so empfindlich! chinesen gibt’s auch im okzident, und was hunde da zu fürchten haben, kann man beispielsweise in „Timbuktu“ vom Auster-Paul nachlesen.
Ich: ich weiß, ich weiß. und die schaufensterpuppen in der nähe der piazza vittorio sind denen von shanghai absolut identisch: ich sah’s im fernseh‘.
Er: sixt, das meer steht still.
Ich: wo?
Er: na, hier.
Ich: wo?
Er: (zeichnet mit dem finger einen strich im fingerdicken staub vor der bücherreihe, deren autoren mit dem buchstaben V anfangen)
Ich: in jedem satz steht das meer still, selbst wenn die welle sich hoch hinauf türmt, immer steht das meer still, welches bild könnte wohl eine welle hinabstürzen lassen.
Er: genau! drum bleibt dir nichts anderes übrig, als das meer stillstand für stillstand dennoch am ende dich überfluten zu lassen, bis du unter wasser dann stille schwebst und endlich selber nur noch fisches nachtgesang zum besten gibst.
Ich: °°°°°°°°°°°°
Er: danke!
Ich: °°°°—-sch°°°°
Er: w?
Ich: n… ich°°° meinte — ein…

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

[Wo das Meer stillsteht 2,17]

Leben eines porträts

dieses gefängnis ahmt alle eure stillen körper nach
die in einer biographie ausgelassenen nebenrollen
leben nur      ihre verurteilung abzubüßen

auszusetzen wieder die abgetrennten köpfe
auf der kleinen, tag für tag zugeteilten klippe
köpfe, die aus dem rahmen der dämmerung schlüpfen

alle mit abgebissenen zungen
wie eine familie      die im regen schwarz wird
in flügeln aus beton eingelegtes laub grünt blatt für blatt

der schrille schrei getretener mäuse oder schlangen
ist sicher rot      läßt mitternacht pünktlich in dich eintreten
erklärt das längerwerden des weißen leeren blicks

niemand kehrt zurück nach dem tod, sich selbst fortzunehmen
und niemand      wagt es, sich zu betrachten
das bad zu durchqueren und in einen anderen unerträglichen morgen zu schreiten

[Wo das Meer stillsteht 2,16] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,18]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

Veröffentlicht unter wo das meer stillsteht | Kommentar hinterlassen

die sprache
die ich suche
verbirgt sich
gleich den kartoffel-
sammlerinnen
die sich kichernd
im hohen getreide
niederhocken

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

immer staut sich dunkles
hinter den sich stapelnden
stauworten
auch die bilder ertrinken
die ich in den stausee werfe
in jeder aufsteigenden blase
ihre gestorbene luft und
immer mehr totes
zum atmen

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

Salustius, Über die Götter und die Welt – 3,3

3,3 Warum sie hingegen göttlich, ist eine Untersuchung, die der Philosophie obliegt.
Da sich also alle Dinge der Ähnlichkeit freuen und die Unähnlichkeit von sich weisen, mußten auch die Lehren über die Götter ihnen verwandt sein, damit sie sich ihren Wesen würdig erwiesen und zugleich ihren Autoren die Gunst der Götter erwarben, was tatsächlich nur dank der Mythen möglich wurde.
Deshalb ahmen die Mythen entsprechend dem Sagbaren und dem Unsagbaren, dem Verborgenen und dem Offenbaren, dem Offenkundigen und dem Geheimen die Götter selbst nach.
Sie ahmen überdies deren Güte nach: Denn die Götter machten die aus der sinnlichen Sphäre stammenden Güter Allen zugänglich, diejenigen des Verstandes jedoch nur den Verständigen, so offenbaren die Mythen Allen die Existenz von Göttern, doch wer diese sind und von welcher Natur, das offenbaren sie nur denen, die des Verstehens fähig.
Sie ahmen schließlich deren Tagesereignisse nach. Denn auch die Welt kann ein Mythos genannt werden, da sich in ihr Körper und Gegenstände offenbaren, während die Seelen und die Intelligenzen sich verbergen.

[Salustius 3,2] <<>> [Salustius 3,4]

Veröffentlicht unter salustius | Kommentar hinterlassen