los, vögelchen, erzähl
mach weiter und erzähl
so sinnloses zeug, aber
bitte, ich bitt dich, erzähl
egal wovon, mach weiter
erzähl, hör nicht auf, bitte
erzähl, einmal noch,
zweimal noch, dreimal
noch, hör nicht auf, bitte
erzähl, ich höre dir zu
meine ohren – ach, nun
bist du still … wehet der wind
den hör’ ich im korne
wehet der abend
und heischet vom borne
des tages ein letztes
lebwohl – und weiß nicht mal
was für ein vogel du bist

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 4,1

4,1 Unter den Mythen gibt es theologische, natürliche, psychische und materialistische oder – ausgehend von diesen – gemischte.
[Salustius 3,5] <<>> [Salustius 4,2]

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in der nacht des herzens
wachsen alle geräusche
zu den stimmen tausender
väter an, und alle mütter
schweigen fleh’nden blicks
die zornigen laute an

in deinem starren blicken
atmen immer letzte nächte
ihr dunkles leben aus

und doch hat in den nachtverliesen
nichts ein ende und nichts beginnt

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schwalben segeln
im dämmerschein des tags
wenn dem himmel
das licht noch angehört

wenn die erde
selbst zu leuchten beginnt
flattern lautlos
fledermäuse um dich

unterm hellen
sichelmond, der schneidet
allen augen
gleißende grimassen

und die augen
entkommen aufgeschlitzt
bluten dann aus
lichtnarben dunkles jetzt

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[Wo das Meer stillsteht 2,19]

Biographie

1. Was gelesen wird

so wie sie wachsen atmen die kiefern auf einem chinesischen friedhof
doch ruhig ändert der wind die richtung des tages
der pflug in seinem auf und ab gelangt ans ende des ackers
grün – ein fruchtbares august-buch
leben sät todessaat

nacht – sterne ziehen dahin in einem brunnen aus jade

den ganzen sommer lang liest du eine biographie
kiefernschatten in wasser getaucht
eingraviert in ein basrelief ein stuhl voller wasser
die ferne see wütet immer noch allein
vogelsang *) überschwemmt den himmel als wäre dort kein sang
du liest als hättest du nichts gelesen

da ist nur die kunst, die einen nachmittag ins schwanken bringt und schwärzt

[Wo das Meer stillsteht 2,18] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,20]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

*) arne vogelsangs weblog

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bedrohlich schrei’n die stare
zum kirschenbaume hin und her
führ’n mich die schritte ängstlich schwer:
das wär‘ nun nicht das wahre

daß wie im letzten jahre
vor meinen augen alles leer
und kahl und keine kirschen mehr!
opfern am feldaltare…

ich schwör’s, versprech’s – indes mag wohl
die leiter helfen – und sie
die plastiktüten, sollen hohl

im winde rattern, und wie!
du aber, mit den blicken, hol
ihr kirschrot, dort: visavis

[similsonetto 3]

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mood

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 3,5

3,5 Aber warum sprach man in den Mythen von Ehebruch, von Raubzügen, von Vätern, die angekettet wurden, und einer ganzen Reihe solcher Widersinnigkeiten? Oder ist unserer Bewunderung auch eine solche Bedeutung würdig: daß über offenkundige Widersinnigkeiten die Seele die Lehren sogleich als Schleier versteht und das Wahre für unsagbar hält?
[Salustius 3,4] <<>> [Salustius 4,1]

dieser absatz zumal ist eine affirmation von dichtung – das soll sich der HEIDEGGER der „Mythoscopia Romantica“ mal hinter die ohren schreiben (a.d.ü.)

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es wiederholen, es immer wieder sagen, weil es wichtig ist für mich:

Mit den Sackgassen sprechen,
vom Gegenüber,
von seiner
expatriierten
Bedeutung – :

dieses Brot kauen, mit
Schreibzähnen

Paul CELAN

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o spinnen die ihr fallet
am eig’nen faden herab
o spinnen die ihr webet
das netz, das eure beute hält
o spinnen, all die netze
die euch benetzet morgentau
o spinnen, in euren netzen
glänzt mir ein tag herauf

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