[Wo das Meer stillsteht 2,7]

Nachbarn III

vergessen zu sein ist ein glück      sagt sie
laß diejenigen, die keine müdigkeit kennen, das erinnern lernen

jede frau beginnt damit, ihren körper zu berühren
sagt sie      jedes dunkle wissen stimmt mit korruption überein

blut      zündet die letzte kerze an
dann beginnt der purpurne nachthimmel, wunden zu spinnen

eine made gräbt einen tunnel und verbirgt einen winzigen tod
in der falle gefangenen überwinternden tod

eine tote frau      gleich einem ungelesenen autor
geht treppab schwanger mit einem geheimen kind

engel      fledermäuse mit welken zitzen      ziehen die flügel ein
hängen kopfunter herab von der schneeweißen haut

sagt sie      die mörderhand ist es müde, hilfe zu reichen
langeweile ist das einzige bett

auf dem kleinen see kommen und gehen die wasserschlangen
sie steht am ufer      ist mondlicht, das sich nichts angeht

wenn eine mondfinsternis fleisch berührt, sickert schwarzer sumpf hervor
so wandelt sich eine frau in etwas anderes

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Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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unsere eidechsenzungen

kaltblütiges harren
in praller sonne

raschelnde flucht

ein dieb
bleibt nicht stehen

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Paul KLEE: Un génie sert un petit déjeuner

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manchmal
schönes wort: manchmal
manchmal
da ist mir als ob
manchmal
da sterb’ ich
manchmal
da lieg’ ich im sarg
manchmal
da ist er aus glas
manchmal
da küßt mich ein prinz
manchmal
schönes wort: manchmal
manchmal
da spuck’ ich ihn aus
manchmal
den giftigen apfel
manchmal
da bin ich selber aus glas
manchmal
da ist nichts im spiegel
manchmal
da bin ich selber sarg
manchmal
ganz aus glas
schönes wort: manchmal
manchmal
da bin ich schneewittchen

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mit einem tiefen dunklen braun
überziehen eggen rings die äcker
angespannt ans scheppern alter trecker
die trotzdem hanghinauf sich traun

durch wälder fern, da tobt kein faun
keine nymphen, nur das schafgemecker –
höchstens brummen vielleicht doppeldecker
die sieht man dann vorüberblau’n

betäubt sitz’ ich nun hier herum
die ohren taubgelärmt vom dröhnen
doch plötzlich sind die trecker stumm

im seichten wind der vögel tönen
der bienen summhypnotikum –
und wollen mit der welt versöhnen

(similsonetto 2)

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Лолита, свет моей жизни, огонь моих чресел. Грех мой, душа
моя. Ло-ли-та: кончик языка совершает путь в три шажка вниз по
небу, чтобы на третьем толкнуться о зубы. Ло. Ли. Та.
Она была Ло, просто Ло, по утрам, ростом в пять футов (без
двух вершков и в одном носке). Она была Лола в длинных штанах.
Она была Долли в школе. Она была Долорес на пунктире бланков. Но
в моих объятьях она была всегда: Лолита.

von hier: http://www.rosinstrument.com/cgi-bin/showtext.pl/Nabokov/lolita.txt

Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul. Lo-lee-ta: the tip of the tongue taking a trip of three steps down the palate to tap, at three, an the teeth. Lo. Lee. Ta.
She was Lo, plain Lo, in the morning, standing four feet ten in one sock. She was Lola in slacks. She was Dolly at school. She was Dolores an the dotted line. But in my arms she was always Lolita.

von hier: http://www.lesekost.de/themen/HHLTH04.htm (über einen angeblichen deutschen vorläufer der Nabokovschen meisterwerks)

vgl. auch hier: http://www.abendschein.ch/weblog.php?id=P514 und http://abgebr.antville.org/stories/1109150

und auf dem rand der badewanne lag heute (noch bevor ich die beiden obigen beiträge las) eine zeitschrift, auf den aufgeschlagenen seiten eine anzeige für die videocassette mit der Kubrick-verfilmung…

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[Wo das Meer stillsteht 2,6]

Nachbarn II

                                   in einer anderen zeit
rammt schweres himmelblau      vögel in den lehm
zwielicht als fleißige säge an den ästen
tragisches lächeln der baumstümpfe      eine kraftlose rache

                                   in einer zeit, die uns trennt
drückt ein skelettförmiger tisch sich fest an einen anderen
die toten, die niemals fortgegangen
wie lampen      bersten still in den kiefernzapfen
erschüttern der fledermäuse flaumige pechschwarze ohren

                                   in einem anderen augenblick
sind wir noch das stille unfertige werk
eingerammt in den lehm von jeglicher stimme      zurückgelassen
ein ein-wort-heute zu sein
eine berühmte sprache, die einst über antikes porzellan kroch

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sinneswahrnehmungen töten einen oger im busch
nicht eben orthodox obschon dezidiert
ringt ein nachsinnender – rankt nächtlich näher
zungenstillstand im tosen cholerischer temperamente
horchgesten ohnmächtiger trunkenbolde bebildern
sinneswahrnehmungen endogen erzeugt im nervenkostüm

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übereinkunft mit den flaschen

1. was leer ist, ist leer
2. was voll ist, bleibt voll
3. was voll bleibt, stört
4. was leer ist, stört
5. was stört, muß beseitigt werden
6. der gedanke an volle und leere flaschen stört
7. der gedanke muß beseitigt werden
8. die flaschen müssen beseitigt werden
9. der gedanke an die beseitigung der flaschen stört
10. der gedanke muß beseitigt werden
11. keine flaschen stören
12. es müssen flaschen besorgt werden
13. der gedanke an das besorgen von flaschen stört
14. der gedanke muß beseitigt werden
15. flaschen besorgen stört
16. flaschen müssen entsorgt werden
17. keine flaschen zum entsorgen da
18. also flaschen besorgen
19. zum supermarkt fahren stört
20. den supermarkt betreten und freundlich grüßen stört
21. die kassiererin umbringen und den supermarkt einäschern
22. einen anderen supermarkt aufsuchen
23. flaschen besorgen
24. eine flasche aufmachen
25. der gedanke ist beseitigt

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leben im über
brandet im gegen
türmt düne aus düne
in wellendem wehen
dünnt düne um düne
häuserkrümel
einst-krümel
mein vogelschnabel

ültje kürne

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