der bildschirm wird schwarz : time out
(die als inaktivität und abwesenheit programmierte aktivität und anwesenheit im anderswo : d.h. auf dem schreibtisch wird das bildschirm-ich zurückgelassen : das sich ausschaltet : sobald wir unser wirkliches ich allzu lange spazierenführen („…zeigt andererseits den möglichen aufbau eines ‚falschen selbst’, der öffentlichen und privaten darstellung seiner selbst, die z.t. von seinen tatsächlichen bedürfnissen und wünschen abgetrennt ist…“ (wie wenn im mai sich ein „nie“-monat vervielfältigt im aberglauben 17 jahr’ blondes haar reiß ich mich um des teufels haare : sind nur drei (im 4mament 3ste 2stigkeiten 1deutig (heut’ häut’ich das gestern geborene morgen, damit nackend das morgige heute dem gestrigen heute eine weitere schicht seiner selbst von sich abtrennt (abtränt?))))))

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ameisen zerdrücken
mit dem finger
als könnte man
zu fuß gehend
die welt zertreten

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Wann Einer ausgegangen ist,
So ist er nicht zu Haus

Adelbert von CHAMISSO, Sternschnuppe

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[Wo das Meer stillsteht 2,9]

Nachbarn V

unser fleisch mauerte die fensterbank
aus der flamme      wir sehen zu, wie ein holzklotz feuer fängt
wie ein aufgerolltes handgelenk
zerrt      zittert      plötzlich wildtierkrallen ausfährt

flamme und flamme in einem spiegel geschmiedet
lassen alles, was tief in quecksilber versunken
vom blick auskratzen      wir stehen außerhalb unserer fenster

schnitz aus ein gesicht mit einem meißel des nichtseins
scharf geschliffenes gesicht      sich erhebende zunge in einer gemeißelten vase
so wie der klang des windes sich in der kehle vervielfacht      packt eine unart
den dichter      wie eine verbrauchte nachgeburt      von einem gedicht abgestoßen wird

die roten eisenpforten der erde sind unserem ohr immer schetternd verschlossen
grabsteine      berühmter als wir
üppiges leichengelage
die an beiden seiten eines jahrhunderts enthüllten augen sind zwillinge
sind sie außer sich      schreiben sie nichts nieder
werden nur dann aus dem geschnitzt, was in unseren herzen starb

nur dann führen sie selbstgespräche      nur dann fürchten sie die kälte
ergreifen die karten mit flammen- und wildtierkrallen      eine spielkarte
trennt zwei wunden      die sich anschauen      uns

[Wo das Meer stillsteht 2,8] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,10]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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aus dem flugzeug
in den tag gefallen
ohne fallschirm
lustgefühl ohne angst
nur der versuch
mir den aufprall
vorzustellen
ließ mich wach werden

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kreisende gedanken –
aber wann
das unglücksrad
anhalten?
nur die falsche zahl
bringt glück

und immer wieder
das erzeugen
von rorschach-bildern
aus der spiegelung der
wolken im kopf
an der schnittstelle
zwischen schein und sein

kreisende gedanken –
erneuter blick aus dem fenster
keine wolken mehr
nur noch blaue gedanken

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maivegetation
alles ohne ausnahme kriecht hervor : aus knospen und samen : und nichts, daß sich : sorgte ums vergehen
als wäre das bloße vorhandensein : selbst schon die einzige chance : die es zu ergreifen gilt
vielleicht haben selbst wir nur diese eine chance : nämlich vorhanden zu sein : und alles andere führt zu korruption : zu ökonomischen kompromissen : zur preisgabe unserer selbst und unseres selbsts

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[Wo das Meer stillsteht 2,8]

Nachbarn IV

dem tod am nächsten ist das gedicht eines lebenden
ein mögliches grab, versteckt im himmel
wie eine unmögliche dachkammer      eingesperrt im staub
spinnen- oder fliegenleichen
geschnitzte schachteln, entworfen für geisterhaftes leben
bis meine hand      sich öffnend fingerabdrücke hinterläßt
mäuse auf der treppe, getreten und wieder zu sich gekommen

vor hundert jahren gewecktes licht
quiekt und      schneidet des dichters wahnsinnsschatten ab
eine wolke steht auf den schieferplatten
pflegt sich in grau-weiße knöchel zu zersetzen
eine einzige deklamation in nächster nähe zu den lebenden
die wie reliquien zufällig meine finger durchstöbert
zeigte      die scham, die wir alle spüren sollten

[Wo das Meer stillsteht 2,7] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,9]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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zerrissen die dunkle
himmelsseide
triefende wolkenfetzen
und nacktes blau
rund um die türmenden
gipfel des donners

im mund fusselnde
stimmennester
aus vogelkehlen

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schwimm nicht zu weit hinaus
hörst du?
das wassser ist kalt
hörst du?
hände werden dich ergreifen
hörst du?
dich fortziehen, wer weiß wohin
hörst du?
dorthin wo ungeheuer lauern
hörst du?
an den strand von keinland
hörst du?
ersaufen wirst du
hörst du?
dich aufblähen
hörst du?
wie eine totgefahrene katze
hörst du?
am straßenrand
hörst du?
schwimm nicht zu weit hinaus
bleib auf dem rechten weg

(bin ich jetzt zuweilen
auch noch rotkäppchen???)

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