[Wo das Meer stillsteht 2,5]

Nachbarn I

ein köstlicher tod kocht nebenan in deinem topf
in des nachbars kamin
ein kiefernscheit brennt in aller ruhe hundert jahre

immer schwermütig der sommer      wie mauern, die efeu stützen
noch führt die straße durch feuer an winters ende

aus dem feuer heraus sieht man      fenster
trübe nächte sauberwaschen, eine nach der andern
außerhalb des fensters die ausgeschnittenen eisenschatten der kiefern
korrigieren eure skelette

eine grüne sonne platzt in steine, ohne anzuklopfen
die tückische szenerie, wenn ein wort in zwei gedichte platzt
bestätigt      des dichters verrenkten mund
du siehst aus wie zusammengegrillte fische

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was aber sagt die innere stimme?
die innere stimme sieht außen
dinge und wesen
die innere stimme benennt
dinge und wesen
die innere stimme verknüpft
die namen der dinge und wesen
die innere stimme spricht aus
den namen der inneren stimme
den sie zuvor geknüpft
aus den namen
der dinge und wesen
die innere stimme besitzt
einen fließenden namen

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frühlingsvergessen:
aufwärtsstreben
nach dem weißt-du-noch
langer abende
kurzer tage
kalt waren sie beide
nur die nächte…
nur die nächte…

wachsendes gras

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jeden tag tausend tode sterben
der nächste wird sein
wenn das telefon klingelt
und sie sich von ihrem selbstmord
im lago maggiore zurückmeldet

vielleicht könnte ich bis dahin
noch ein paar zwischentode sterben
indem ich mich selbst anrufe
und mich zurückmelde
von meinem selbstmord
im wörtersee

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[Wo das Meer stillsteht 2,4]

Arche

immer sankst du in gewässern, die längt vorübergeflossen
so wie das unwandelbare schweigen des waldes
die axt geschärft hat
schwarz gewordene zehen von baumstümpfen gehen überall herum
das geräusch fallender kiefernzapfen      erklärt den sommer
kiefernnadeln bedecken einen feuerroten pfad
gehirn      nur gehirn hinterläßt einschiffungsnarben

ist ein im feuer sich spaltender felsen
ist ein auge, das auf einen großbrand schaut      frierend das ganze jahr
vom gedächtnis wiederbelebter weißer schnee
ist die schneide der axt, zwischen den zeilen gen himmel geschwungen
grün vergeudend      baum, grausam wie ein anderer baum
handhabt den schlaf      eine flut von spechten

wirft gnadenlos schnarchen aus dem augenblick
wirft es in      die ins fleisch verpflanzte pest
grüne gräser, die die vergangenheit ausrufen      entblößen untertage-zähne
schreien      arglistig überhört von hölzernen ohren

des verrückten einziger fehler in der totenstille der zelle
ist es, immer zu wachen      erst gestern weckte er
einen zweig der vergangenheit      auslotend des seegrunds fahle phosphoreszenz
und benutzt vögel, um die gedichte zu rezitieren, die in euren mündern schimmeln

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das meer einatmen
welle sein

nothing’s going to harm you now

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steine der erinnerung
bluten aus der stirn
als erinnerung an die
wunden der erinnerung
liegen die steine blutig
neben dir auf dem bild
an der wand das vorgibt
daß blut rot sei
der stein weiß
der himmel blau
die wolken weiß

nur ein grünes blatt
weiß davon nichts
es beschreibt den regen
der draußen in die
dunkelheit fällt

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worin ich mich wiedererkenne:

Niemand müsse, der Welt erkennen wolle, sein Dorf verlassen, schrieb Lao-tse. Es kann sein, daß dieser Satz nicht stimmt, aber auch, daß er wahr ist. Dann verläßt sein Dorf, wer sich selbst sucht. […] Wer das adäquat beschreiben möchte, kann nicht länger Konstante seines eigenen Kultursystems sein, sondern wird herausfallen müssen, nicht nur aus diesem, sondern darf und kann auch nicht ins je andere hinein. Distanzierung sucht sich nicht mehr, sie geschieht dem Dichter, wenn er das ist, von selbst, und seinem Stil obliegt etwas Neues: Er macht sich vertraut, ohne doch erobern zu können, also sich dem Fremden aufzudrängen. […]

Alban Nikolai HERBST: Flanierend Reisen: Das andere Selbst. Kleine Poetik des Reisens (Links: http://www.die-dschungel.de/ANH/txt/pdf/flanierend_reisen.pdf)

Dorthin kam ich blätternd (dies für ANH), weil ich die Einführung zu „Guantanamo“ lesen wollte, aber da erscheint leider nichts!)

P.S. und überhaupt halte ich Alban Nikolai HERBSTs theoretische Schriften und literaturhistorische Streifzüge für sehr bedeutsam, denen vielleicht nur noch Arno SCHMIDTs gleichartige arbeiten gleichkommen! das meine ich wirklich so!

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alle vogelstimmen
sind gefängniswärter
denn sie lassen
dich nicht frei

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auf der steintreppe
in seiner lederhaut
ein toter regenwurm
an der ameisenstraße

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