tönerner abend
brach jäh entzwei
und in den
scherben gelesen
die scharfen kanten
deiner sprache
das knirschen
unsichtbarer silben
unter zungensohlen
betreten : das schweigen
tönerner abend
brach jäh entzwei
und in den
scherben gelesen
die scharfen kanten
deiner sprache
das knirschen
unsichtbarer silben
unter zungensohlen
betreten : das schweigen
Salustius, Über die Götter und die Welt – 8,2
8,2 Was die Seelen angeht, so sind einige von ihnen rational und unsterblich, andere irrational und sterblich. Erstere stammen von den primären Göttern, die anderen von den sekundären Göttern.
[Salustius 8,1] <<>> [Salustius 8,3]
bei tisch sitzen wie
die lichterketten
die hier und dort
vor sich hin blinken
in den leeren straßen
unter einer decke aus grau

dorthin geht’s heute nachmittag : morgen : sofern ich verdauungshalber in der lage dazu bin : geht’s weiter : hier aus der „niemandsbucht“
wieder kann ich nicht weinen
wieder die schleusen geschlossen
als hätte der blaue himmel
mir sein blau in den kopf geschossen
wieder kann ich nichts sagen
die lippen gleich einer wunde vernäht
als hätte der windstille wind
mir die worte vom munde gemäht

es wachet der wachtberg über die niederungen der ohre : er hügelt gemächlich landeinwärts : freier blick bis hin zu den grenzbefestigungen : auf der den niederungen abgewandten seite : sandkuhle und sportplatz : feuerspeiender hügel : zu ostern und am 17. juni : dem einstigen tag der deutschen einheit : heidnisch das osterfeuer : um das sich nur die jungen kümmern durften : die noch nicht konfirmiert waren : dem feuer beiwohnen indes durften alle : propaganda das „mahnfeuer“ : rot-weiße banner mit schwarzer schrift : todernst schweigende fackelträger : (es redet der chef) : markige reden : frrrraihait : einmal sogar gegenpropaganda aus der ostzone : lautsprecher störten das markige reden : mit anderen markigen reden : frrrraihait : attraktion eines lauen sommerabends : grund für spaziergänge vom hügel zur grenze und umgekehrt : hand in hand : oder familienweise gerudelt : schau- und hörlustig : während die funken flogen : am ende die blaskapelle : und „blüh’ im glanze“ : aus allen kehlen : in denen hinterher ein anderer brand : zu löschen war
[Wo das Meer stillsteht 4,12]
Fiesta
sonnenlicht jagt dich fort – und dunkelheit öffnet ihre büsche
der dichter stirbt bei einem autounfall
dichtung – verstümmelt in einem farbig gedruckten himmel
das ständige anschlagen der glocken ist wie eine irrsinnige gabe
kinder träumen von schlangen, die im
kleinen loch der palme überwintern
blasse nebel sondieren den eingang
die dem himmel entgegengesetzte richtung
verdient es nicht – hölle genannt zu werden
[Wo das Meer stillsteht 4,11] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,13]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

aus: „Jimmy Corrigan – The Smartest Kid on Earth“
beim fahren
die hand
die das lenkrad
dem lauf der kurve
folgen läßt
und wie sie sich
in gedanken
vom arm löst
er beschließt
es sei zeit
heimzukehren
doch vorher sollte er
vielleicht noch
einen stein auflesen
ihm einen namen geben
ihn bei sich behalten
für den rest der nacht
[nach: “Jimmy Corrigan – The Smartest Kid on Earth”]