
Polyhymnia : Centrale Montemartini : Rom

Polyhymnia : Centrale Montemartini : Rom

Eines der Dinge, an die ich erst ganz zuletzt denke, wenn ich den Namen Kleopatra ausspreche, dürfte wohl das Wort von Pascal in bezug auf ihre Nase sein, und ich weiß nicht einmal, ob sie länger oder kürzer hätte sein müssen, damit das Antlitz der Welt dadurch in auffälliger Weise verändert wäre.
[…]
Wenn ich die Bedingungen überprüfe, unter denen Kleopatra, die Königin von Ägypten, ihren Tagen ein Ende gesetzt hat, dann beeindruckt mich das Zusammentreffen dieser beiden Elemente: einerseits die mörderische Schlange, das männliche Symbol par excellence, – andrerseits die Feigen, unter denen sie versteckt war, ein geläufiges Bild des weiblichen Organs. Ohne daß ich versuchen wollte, hierin etwas anderes zu sehen als ein Zufallsergebnis, kann ich doch nicht umhin anzumerken, mit welcher Genauigkeit diese Begegnung von Symbolen dem entspricht, was für mich der tiefere Sinn des Selbstmordes ist: gleichzeitig Selbst und ein Anderer zu sein, männlich und weiblich, Subjekt und Objekt, das was getötet wird und das was tötet, – die einzige Möglichkeit einer Kommunion mit sich selbst. Wenn ich an die absolute Liebe denke – diese Vereinigung nicht von zwei Wesen (oder eines Wesens und der Welt), sondern viel eher von zwei großen Worten – dann scheint es mir, sie ließe sich nur durch das Mittel der Buße erreichen, jener des Prometheus vergleichbar, der bestraft wurde, weil er das Feuer geraubt hatte. Eine Strafe, die man sich auferlegt, um das Recht zu erwerben, sich selbst zu sehr zu lieben, dies erscheint also, in letzter Analyse, als die Bedeutung des Selbstmords.
Michel LEIRIS, Mannesalter
ich bin der und ich bin die
Helmut SCHULZE, Äpfelschuh‘
Cundrie
Wer ahnt erst, daß er träumen mög’, ist halb erwacht.
Die Nacht, vom Frühlicht angestrahlt, ist nicht mehr Nacht.
FOUQUÉ, Der Parcival, VI, 7
Cundrie (la sorcière) = Gralbotin
es bricht herauf so’n morgen
wie du ihn nimmer magst
zwar eilet wolkenflaum
in unter’n schichten
und oben reißet wolkengrau
die himmel die blauen in fetzen
doch dräuet and’res grau’n
in flau-flachen sätzen
übel steht’s mit dem tag
und mit dem text zum übersetzen
nämlich:
5 mal au und 1 mal oi!
ein rinnsal auf dem feld
ragt im steten tropfen
des in dachrinnen gurgelnden regens
in den dunkelabend hinein
widerschein des offenen fensters
war doch nur wieder schein
war nur der ast am walnußbaum
Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts und hinab! herrschet in heil’ger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Menschen gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfades geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.
Friedrich HÖLDERLIN
So entstehen [im Kalender der Azteken] 260 Kombinationen, unterteilt in 20 Gruppen zu je 13, ausgehend vom Tag 1 cipactli [Krokodil] bis hin zum Tag 13 xochitl [Binse]. Jede Zweier-Kombination ist ein tonalli, der eigentliche Name des Tages und Sinnbild eines Schicksals, das auf beinahe nicht wiedergutzumachende Weise das Leben desjenigen zeichnen wird, der diesen Namen trägt. […] Hier sei ganz einfach gesagt, daß der Tonalli als notwendige Voraussetzung eines jeden Daseins erscheint. Sehen wir einmal, was es mit den schrecklichen nemontemi auf sich hatte, […] die das 360-Tage-Jahr vervollständigten. „Diese fünf Tage hatten weder Namen noch Zeichen“, so die eingeborenen Informatoren von Sahagún [dieses und die folgenden Zitate aus seiner Historia general de la cosas de la Nueva España]. Wird eine zeitliche Dauer durch keinen Tonalli geprägt, ist das Leben aufgehoben: „während dieser Tage wurde nichts getan; die Paläste und Tempel waren verlassen; kein Streitfall wurde diskutiert; alle blieben bei sich zu Hause und enthielten sich des Fegens; man begnügte sich damit, den Staub auszuschütteln…“. […] „Keiner durfte tagsüber schlafen, bei Strafe des nicht mehr Aufwachens. Keiner durfte stolpern oder fallen… Von dem, der hinfiel und sich verletzte oder krank wurde, sagte man: ‚er wird nicht wieder aufstehen’, und keiner hegte Hoffnungen für ihn… Selbst seine Eltern ließen ihn dort, wo er lag, und verloren alles Interesse an ihm, denn die nemontemi waren Tage des Schreckens…“. Unselig, wer an einem dieser Tage geboren wurde: der von den Schicksalen ausgeschlossene Unglückliche, der dazu verurteilt war, keinen Namen zu tragen, konnte keinen sozialen Status erlangen: „Man floh ihn, man fürchtete ihn… Er gehörte nirgendwo dazu. Er zählte nicht. Vergeblich war er ein Mensch.“ Die nemontemi, die namenlosen Tage, wurden von den Azteken nicht einmal als Unglückstage wahrgenommen: das hätte geheißen, sie mit einem Inhalt zu füllen. Die nemontemi bringen am Ende eines Jahres ganz reell eine tote Zeit […].
Nach: Christian DUVERGER, Il fiore letale

Park
frühlingskräfte – werfen einmal mehr
einen schwarzen zweig aus
ein walroß im sturm
gelähmt auf einer bank – bleckt die zähne
der nordpol kann immer das grün der vorstellungskraft benutzen
um ein haus zum aufbewahren der leichen zu bauen
sprechen – sieh diese freude
ein hund wird dazu verleitet, wie verrückt davonzulaufen
[Wo das Meer stillsteht 4,12] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,14]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare
keine find-sterne
funden
den bitt-händen
die zweige des walnußbaums
vor wolken
dick nur und grau
verknickt sein
und laublos und abermals
schweigen
unter fädenziehende wolken
ziehen mich fäden
home I’d like to be
kleben an fingern
die am mund fäden ziehen
und wollen worte
die ziehen wie fäden
und doch nur prasselt
was wie fäden aussieht
von weitem
das bißchen schnee
das der wind vor sich her treibt
und gar nichts
als wind
sonst
und da ist ja auch nichts
wo ich ankomm’
nur wind