von drinnen besehen : starre lichtformen : die ins rauschen des : zimmers dringen
vor der tür hingegen : werden bäume und felder : zur form für den klang : der sich ausbreitenden : „allfälligen“ geräusche : als wollten sie erst im knattern des traktors : ihre berechtigung finden : und zum bilde werden

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[Wo das Meer stillsteht 1,4]

Dunkelheiten

1

immer wird vergessen das grüne laub wenn     die fenster zu grün
wie jeder im frühling geschmissene kieselstein
treffen sie den frühling selbst

vögel     tragen noch dürre schlittschuhe von blauer farbe
wenngleich des alten hundes augen müde sind

das schwappen des flußufers muß nicht übersetzt werden
die ästhetik des todes     wiegelt das ausschwärmen der blumen

nur die felder     dulden das rasende herz
weiter noch fliehend     wittert blut der april
im sonnenlicht duckt sich der wald hinter uns
wissen das nicht fortgebracht werden kann     bringt wieder fort – die toten
ein gedicht aufsagen     eine vertiefte stille

die andere welt ist immer noch diese welt     würde die dunkelheit sagen

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das geräusch der katzenzunge
die übers fell schmatzt

(ich lebte gern in einer : durchsichtigen eierschale : auf einem anderen planeten… : unausgeschlüpft am dotter saugen : und selber schmatzen : also zurück in die urhöhle (jeder tag ein ursprünglicher tag für den nächsten (den ahnen und dem ahnen zum trotz)))

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kein name kein tod : darum brauchen wir alle einen namen : damit wir sterben können : und immer wieder der tod : als inbegriff des seins

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[Wo das Meer stillsteht 1,3]

Requiem, oder zurückfließender fluß

keine nicht in liebe zerstörte liebe
wie im himmel gelähmter himmel
requiem     gespielt für taub gewordene ohren      genug

im schimmernden sopran der steine
fließt jeder fluß wirklich zurück
zurück vom vogelgesang     bäume blasser als der morgen
zurück vom lachen     die von mutter gesammelte frühlingsschachtel
zu gegebener zeit aufgerissen von versessenen kindern

du mußt noch dorthin zurück, wo du immer bliebst

requiem     achtungsvoll hört zu der tod
jemand singt     und geist legt fleisch an      wieder und wieder aufgegeben
zähne strahlen jenseits fahlgelben mondlichts
erinnerung     stillstand im stillstand
ist der himmel der tiefe der musik

bis alle namen tod entziffern
und der tod mit musikinstrumenten spricht
flüsse, die aufgeben, um hilfe zu rufen     fließen zurück, dieses schweigen zu werden
fließen zurück in diesen augenblick     kinder klettern auf grüne bänke
holzpfähle zu blumen aufgeschwappt vom ozean dem kindermädchen
frühling     frühling sauber ausgerichtet
du bist schon gestorben     drum hast du keine angst zu lieben

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aeroplane ziehen rosafarben
oblique kondensstreifen
in denen die letzten strahlen
der untergegangenen sonne
(wir standen aug’ in aug’)
diakritisch dem tag die rechte
aussprache verleihen wollen:

azzurro

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[Wo das Meer stillsteht 1,2]

Träume oder eines jeden flusses drittes ufer

grün ist das grausamste bajonett
doch ein traum     hängt sich wie ein verbrechen fest an gesternfelder
festgehängt in den holzstühlen der fichtenbäume
haben die toten wieder die schule begonnen

wer träumt     muß
dem frühling folgen und in diesen fluß münden
dem fluß folgen     ans dritte ufer schwappen zwischen weißen knochen

diese weiße liebe ist weder dasein noch phantasie
drängt jedoch die tagtäglichen rosen in die gefahrenzone
schickt dich durch ein großes feuer zurück in deine vergangenheit
in der kindheit gespielte melodien werden mit jedem hören qualvoller
eine durch dunkelheit frisch gehaltene wunde     wie ein zwielichtzimmer
auch eine aufs herz gepreßte hand wird widerhallen
leerer und leerer     und umgeben vom flußbett
nur in träumen mißgeschicke eingestehen     denen ein dichter nicht entgeht

es ist dein eig’nes mißgeschick
ein ganzes leben eine lange nacht mit offenen augen
das von dir geträumte land zerfällt und zerfällt unter deinen füßen
wenn es gesunken ins fleisch     tief ist’s
wie die verdammung     niemand schläft oder wacht am dritten ufer

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monden ein ohrring für
die lauscher der nacht

ins gewirr der eichenäste
entführt meinen blick
ein senkrecht sich bäumender
großer wagen – septem triones

das suchte ich doch
dorthin wollte ich doch
da weiß ich doch was

wären nicht die dicken äste
an denen gestern gehenkte
baumelten beim durchzug
mordbrennender schweden

hätt’ich doch keine blauen augen!

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YANG LIAN

WO DAS MEER STILLSTEHT

Dt. von mir nach der englischen Übersetzung aus dem Chinesischen von Brian Holton und der davon gefertigten italienischen Übersetzung von Claudio Pozzana, damit ich mir gleich denen, die in den Museen die Gemälde in den Zeichenblock skizzieren, der auf ihren Knien ruht, besser die Bilder zu eigen machen kann, die darin enthalten.*)

1. DUNKELHEITEN

Frühling, eines flusses schmerz
in deiner liebe

eines vogels helle angst in deinem starren blick
eines flusses schmerz in deiner liebe

ein zersplitterter tag     hält dich davon ab, dieses
von schneeweißem eis hochgetürmte flußbett in einem
blickfeld zu umgehen, in dem dicht die notizhefte sprießen
jeder baum schlägt dir entgegen
wie die wunden der nebenflüsse eines gedichts

in einem tropfen wasser     die toten allüberall
draußen vorm fenster     je heller das sonn’licht desto lebensechter das krebsgeschwür
ein junge verschwindet dort wo er fällt
ein körper hört     unerkannt das laute klagen des blutes

in dir weinende liebe     aus den fleischfarb’nen flügeln in der luft
ein hautloser fluß     schmerzt die ganze nacht hindurch
bedeckt mit deinem einen tag jedermanns gestern
barfuß die schatten im grase durchwatend

blumen lassen sich vormerken für künftige operationen
je mehr der frühling schwallt desto mehr gleicht er einem traumlosen menschen
wenn nichts gesagt wird     kein fluß kann von dir fort fließen

da ist nichts     als was du stets erduldet in dunklem mark
alles lebendige     hicke-di-hack      hicke-di-hack

das ist alles     wieder vorbei

 

*) Das entsprechende Buch erschien 2004 im Verlag Libri Schweiwiller (Mailand).
Übersetzungsrechte wurden nicht erworben. Sofern also diesbezüglich rechtliche Bedenken
geltend gemacht werden, bitte ich um Nachricht an hsch @ libero . it.

könnte weitergeführt werden

[Wo das Meer stillsteht 1,2]

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das gras wie gestern
der baum wie gestern
das feld wie gestern
nichts geschieht in der natur
alles IST nur immer etwas
anders als vor einem tag
einer woche einem monat

auch der schmerz IST
nur anders als gestern

was geWORDEN ist
war gestern und ist heute
nur eben anders

ich lecke die grashalme vom
baum und stapfe dann übers feld
wenn es nicht geregnet hat, setze ich leicht versetzt den fuß in die spuren von gestern
der regen weiß, was ich vergessen muß
erinnern – das wiederkäuen der unverdauten mahlzeiten
die augen weiden – die ohren schmatzen – die nase wühlt in den eingeweiden
aus dir wird nie etwas – sagte ich zu der statue, die mir im wege stand
doch – sagte die statue, die mir im wege stand – sand

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