[Wo das Meer stillsteht 1,7]

Dunkelheiten
4

aber die dunkelheit hat nichts gesagt      zwischen dunklem und dunklem
nur dieser frühling

die knochen des papierdrachens hängen in den baumwipfeln
die borke glänzt      liebende gehen küssend unter dem baum vorbei
pollen in den lungen schlagen den gong des letzten jahres
ein lebhaft roter clown      macht stets die kinder wild

grüner und grüner die zähne die kleine hände kauen
rasen aus alten zeitungen      reicht eine flammenschere herüber
so sieht der April      den fluß fließen als trugbild
die vergessenen farben der strömung      sehen uns als trugbilder
ist der ruf der taube einmal schwarzgebrannt      sind alle sterne
zerbrochenes spielzeug – hineingestopft in eine pechschwarze schleuse

in der dunkelheit gibt es immer einen körper der zurückdriftet an den ort des nicht-träumens
selbst wir haben angst      haben angst nur vor unserem eigenen entsetzen
die dunkelheit sagt nichts      jeder fußgänger auf der straße
beginnt mit sich selbst zu murmeln
dunkelheit      lauscht der orangeroten dunkelheit des lippenstifts

eine frühlingsschule läßt uns immer dumm werden
erinnerung      die darin lebt ist ein geist
wird ein spiegel zum gesicht gehoben      verdaut der ozean einen toten fisch
um erbrochen zu werden ist´s noch ein endloses geschwätz

zu viele der dunkelheiten      daß das leben sie je einmal erreichte
der frühling geht fort von uns      nur dann      schweigt endlich der frühling

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ich weiß ich weiß es ist alles käse und die cheshire cat sitzt immer noch im baum und grinst…

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Matera, Ostern vor vielen jahren… in den sassi beschreibt uns der offiziell nicht vorhandene führer (also keine lizenz) die höhlenbehausungen: „hier warfen sie die trauben rein“, „dort wurde ein weiterer keller gegraben“, „und hier waren einst…“ ja was? ich weiß es selbst nicht mehr. zumindest zeigte seine taschenlampe eine stelle oben an irgendeiner wand: „sehen Sie, man sieht nichts.“

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ich flöße mir dunkles ein
daß im dunklen denken
stets genug des dunklen mir bleibe
und ich vor licht geschützt
den stimmen besser lauschen kann
mit denen die DINGE zu mir sprechen

es blendet der menschen wort
in ihrer grell-bunten rede

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[Wo das Meer stillsteht 1,6]

Dunkelheiten
3

jeder regenschauer läßt dich an deinem ende niedersitzen
regen klopft aufs dach      die schritte kleiner tiere
bringen dich reglos in die dunkelheit
bei reglosem wetter brauchst du andere zum schlafen
schlafen heißt fortgehen      die welt der regenzeit geht fort
sobald die dunkelheit durch dich hindurchging wie ein vollblut durchs feuer
höre in dich hinein      überall silbrig weiße nähte
die einen abgetragenen anorak aus fleisch vernähen

jeder schauer fällt nur auf diesen öden grund
wenn du von deinem ende anfängst zu lesen      dann ersetzt unermüdlich
eine schwarze seite mit erklärungen jemanden für den nächsten tag
schmiedet eine adresse      die straße zum friedhof noch schlammiger
nörgelt mit dieser hand      bettler drängen sich in gegenseitigem haß
bilden eine stadt und nirgends ein schutzdach bei regen
ein schwarm durchnäßter krähen prallt in dir zusammen
brüten unterschiedliche verbrechen deren gesichter sich gleich      würde die dunkelheit sagen

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nur immer steil hinauf den blick
es dauert nicht mehr lange
die schritte setzen auf gut glück
und sei das herz dir bange
hoch droben nur harrt das geschick
drum reich hinauf die wange
hier unten hemmet schlamm und schlick

wer nie sein brod und heilig
und nüchtern im winde
hanget mein herze o neige
wer kennt es o heinrich mir grauts
daß land aus schmerzen mir reiche
das schlummern der blumen in
leisen weisen wiegender wiesen?
dunkeln versummend verstummend hinfür

Tireli, Tireli –
der treue Müller ist hie.

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um nicht hinten im hof neben den eingestürzten schweineställen das plumpsklo mit dem großen loch und der dunklen glucksenden scheiße darunter aufsuchen zu müssen, oder weil während der herumstreifereien im dorf kein klo in der nähe war, lernte ich schnell, die gesäßmuskeln zu benutzen und das zu praktizieren, was ich gemeinhin „scheiße wegdrücken“ nannte. man stelle sich das so vor: die beine überkreuz, der oberkörper leicht nach vorn gebeugt, und alle konzentration auf die gesäßmuskeln gerichtet, die dem anus geboten, den mund zu halten. (apostrophierte nicht die über uns wohnende „Schalow’sche“ jedweden, der sich über ihr getrampel beschwerte, mit einem „du arsch mit ohren“?) eine quasi notwendigkeit, die bald in einen sport ausartete, der auch in den fällen, in denen durchaus eine hygienischere möglichkeit vorhanden war, dennoch betrieben wurde. die brachialste variante dieses „sports“ bestand darin, sich auf einen balken zu setzen und den anus solange so heftig dagegen zu drücken, bis der aus dem darm kommende andrang abebbte. in vager erinnerung habe ich auch arg verkrustete unterhosen…

[über die häßlichkeiten des lebens, auf denen trotzdem kleine freuden blühen]

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nässender himmel zur nachtzeit
der morgen breitet pfützen
als spiegel für die wolken
(nicht sicher ist
wer wen anschaut)

unregelmäßig sich weitende schritte
damit die füße trocken bleiben

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Selig, wer ohne Sinne
Schwebt, wie ein Geist auf dem Wasser,
Nicht wie ein Schiff – die Flaggen
Wechslend der Zeit, und Segel
Blähend, wie heute der Wind weht.
Nein ohne Sinne, dem Gott gleich,
Selbst sich nur wissend und dichtend
Schafft er die Welt, die er selbst ist,
Und es sündigt der Mensch drauf,
Und es war nicht sein Wille!
Aber geteilet ist alles.
Keinem ward alles, denn jedes
Hat einen Herrn, nur der Herr nicht;
Einsam ist er und dient nicht,
So auch der Sänger!

Clemens BRENTANO, Nachklänge Beethovenscher Musik

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die dielen lösen sich auf
fallen
die dielen unter den dielen lösen sich auf
fallen
die dielen unter den dielen unter den dielen lösen sich auf
fallen

(ein kindheitstraum : über die haltlosigkeit des seins : möglich : daß dahinter ein : hoppe hoppe reiter steckt (auch ein unsichtbarmachen vielleicht : deutlicher noch in der geschichte vom schrank : in den ich mit einem hammer eine kerbe schlug : um die kerbe zu verbergen : schlug ich zig ähnliche kerben daneben : so daß die „ursünde“ in der wiederholung aufgehoben war (oder auch in dem anderen kindheitstraum : in dem ich von mädchen angegriffen werde : die auch einen panzer dabei haben : „ich bin doch auch ein mädchen“ : sagte ich zu meiner verteidigung)))

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