aus den blättern gefallen:

KEEPER Why looks your Grace so heavily today?
CLARENCE O, I have pass’d a miserable night
So full of fearful dreams, of ugly sights

SHAKESPEARE, The Tragedy of King Richard the Third

… wiewohl der schrecken aus schmeichelbildern schleichend sein blinkend nest mir gaukelte…

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in allen seelenzweigen
die lockrufe der vögel
ziehen dich an den ohren
in alle verästelungen
lassen dich immer wieder neu
an ständig wechselnden
klanghaken baumeln

bis plötzlich ein windstoß
die trockenen blätter
der eiche entreißt und
ein raschelnder schwarm
welker gedanken zur erde
und vor die füße dir segelt

denn noch weiß die knospe
nur von künftigem grün

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[Wo das Meer stillsteht 2,2]

Mondfinsternis

ein rinnsal süßen blutes tröpfelt in deinen mund
giftiges blut das gerne du trinkst
schlammige zitzen      blaues marmeladentröpfeln

die zarteste der hände tränkte das papier
deines fleisches      mit wasser
diesem unreinen tod den du gerne trinkst

dieses klatschen      das jahrelang schleichendes fütterte
augenblick der auf dich wartet dich zu beschmutzen
wacht über deinen spott

zwei stunden      mädchen sitzen im gras
und streicheln einander liebevoll      nehmen sich freiheiten
lernen unreine gedichte auswendig

in röcken      öffnen schlösser die schlüssel des schattens
licht von skeletten geben sterbenskranke strahlen von sich
so wie der ganze himmel schluchzer widerhallt

nacht die du gerne trinkst      trinkt dich
eine im stich gelassene frau trinkt ihre milch aus
dunkelheit      springt in den dunklen pfuhl

zu zeugen vom schoß      dies weißliche glas
wird schmutziger mit jedem waschen
zwei stunden später      geht’s weiter mit der lebenslüge

[Wo das Meer stillsteht 2,1] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,3]

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glassplitter auf mauern sah ich zum ersten mal bewußt in split : rund ums hajduk-stadion : drohendes splitzendes glas : und kein darüberklettern möglich : und ich dachte an die reise : und fischte Vespers „reise“ aus dem regal : und dachte : diese zeichnung da mit dem erigierten penis : die könnte ich eigentlich einscannen : aber da war nur das auf der reise : der erigierende penis : eingesperrt in der hose : und diese reise : die dacht‘ ich : die sollte ich : odyssieren : wie ich da stets schlief : an straßen- an meeresrändern : nur einmal im hotel : in sarajevo : da trank ich eines abends zuviel : („are you virgin?“) : und da war dann mein bett naß am morgen : unheilvollste inkontinenz : aber am steinstrand von dubrovnik : im schlafsack nebenan : da fickte es in einer tour : und das geld ging aus : nur noch honigmelonen gegessen : in zadar : da hänselten sie mich : machten die geste des heroinspritzens : und auf der autobahn schließlich : nach der nacht im wald : bei der raststätte nürnberg feucht : bläserchöre bekifft über die wellen der landschaft : und schließlich eingenickt : ich glaube nicht : seitdem je wieder aufgewacht zu sein : und wieder der 19jährige : ich : a motherless child : immer noch : und doch erst eins zwei wochen : damals : als ich die reise : begann

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Wenn es zum Beispiel passierte, daß Abschaffel die Küche seiner Wohnung betrat, und im gleichen Augenblick begann das Aggregat des Kühlschranks zu summen, dann suchte Abschaffel, weil er glaubte, auch das Summen des Aggregats auf sich beziehen zu müssen, nach der Bedeutung dieses Geräuschs für sein Leben.

Wilhelm GENAZINO, Abschaffel

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aus jedem blick sprießt
eine scherbenblume
die dich enthauptet

(und dann versuchen, sich wieder zu behaupten…)

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sie tanzte auf dem schützenfest
mit einem andern
glas klirrt in der nacht
füllt mein bett mit scherben
mit blanker faust
die fensterscheiben zerschlagen
seine trunkene eifersucht
hoch gebunden sein arm
tief und rot die blutigen wunden

lange noch ersetzte pappe
weil sie mit einem andern getanzt
die fensterscheiben aus glas
lang noch die drei breiten
narben auf seinem arm

immer noch die narben
erinnerungswund

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[Wo das Meer stillsteht 2,1]

2. HAUS ALS SCHATTEN

Die behauptung der krähe

jeder morgen stirbt einmal mehr in der sprache der krähen
krähen benutzen dunkelheit      um licht zu entfalten
grüne gräber      zertreten zertrampelt
tiefe wälder zeigen konturen
das fleisch der toten wird fett in den fichten
doch dünne durchsichtige ohren      hängen bei nacht von allen zweigen
schweigen nach dem tod      läßt dich hochfahren aus dem schlaf

tote      hören erst jetzt im häßlichen hirn
wie denken den sturm erntet
hirn das unweigerlich in schlafzimmer lugt und lacht
arrogant wie ein kahlgeschorerer gefängniswärter
krähe      eingehüllt in geborgter nachtlivree
nackter noch

gold auf den buchstaben des sommers
kleine unreife hände gehen langsam übers gras
reißen nach und nach die fingernägel aus
deine lehrbücher in träumen gedruckt
unterwiesen im schlaf      schwimmen
in gefiederter haut      hören den fluß
eine höhle graben in den körper heller als licht

aufgeschreckt erneut in ein lautes krächzen      dessen was nicht gehört werden kann

[Wo das Meer stillsteht 1,7] <<>> [Wo das Meer stillsteht 2,2]

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nicht unwandelbar in der stille
hängt an der wand das bild
ganz losgelöst davon sein wille
bleibt ewig ungestillt

nicht schüttelt uns flocken frau holle
schlossen sind’s weil sie schmollt
blütenzehrende unheilvolle
saat im donner der grollt

nicht frommt mir der inhalt der pulle
auch wenn mit viel geduld
täglich sie in leisem gelulle
mir abschwätzt alle schuld

nicht aber lüget das gelalle
sei’s auch nur reimverknallt
niemand ahnt die bedeutungsfalle
die uns daraus umschallt

einst zuweilen wußt’ ich die stelle
wo mir endet die welt
jetzt greift mich zuweilen die welle
und ist kein halt, der hält

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vor der schwarzen gewitterwand : leuchtet aus sich selbst heraus : in seinem neuen gelben anstrich : der noch unbewohnte neubau : oben am hügelrand : einsamer nie : und mir fiel das wort ein : gewittereinsamkeit : das leuchten der sinne : einsam auch verläuft sich der donner : und sein zorn : wie jeder zorn : solange er nicht in haß umschlägt

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