[Wo das Meer stillsteht 2,15]

Fröstelndes portrait

kälte kommt in jeder jahreszeit      wie die wand hinter dir
kiefern enthalten immer einen schneetag
die flamme im herd kann so grün werden, daß sie schwarz wird
wenn feuer wirklich wird      kann die kälte sich nicht verstecken
du hast angst      um so mehr ähnelst
du dem, der immer mit dir verwechselt wird

wenn jemand anders      dich unterbringt, riechst du nach medizin
im schal, den der himmel überwacht, gibt es nur regnerische nächte
portraits gehen durch die tür      aber du hängst
an der wand      ein gemaltes gesicht lerntest du erst      nach dem tode fürchten

auch das sonnenlicht wird verwechselt      es ähnelt nur dem licht
fingert im reglosen wind so wie finger, die geringfügig zucken
auch ein spiegel ist wie ein verrückter
ein weißäugiger schwachsinn      ein ozean, der sich nie an toten fisch erinnert
wie der winter      dir dick ins auge spuckt
wenn der körper friert      ist lächeln ein müder rock
lügen      nur dann wieder ausgesprochen, wenn sie dich wärmen
lassen die kälte bis zu den knochen dringen      grausam wie dieses portrait

kälte ist eine metapher      angst vor kälte eine andere
jahrhundertealter vogel, der anderswo schreit
bild eines braunen ohrs, abgefroren vom kopf einer leiche
gräßlich wie dein eigenes
taub genug, um      erkannt      oder gemalt zu werden

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Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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was bleibt von all dem
als so ein bißchen atem
die lungen zu füllen
und zu glauben
ich atmete?

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ich höre fast die worte
die du sagen willst
aber nicht sagen kannst
weil du nicht im zimmer bist
wenn du zu mir sprichst
sie gehen die treppe hinab
der hund übersetzt sie
in sein bellen – aber vielleicht
hat er auch nur eine
schlange aufgespürt

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 3,1

3,1 Warum aber – diese Lehren hintanstellend – drückten sich die Alten in Mythen aus? Es lohnt sich, diese Frage zu stellen und aus den Mythen bereits einen ersten Vorteil zu ziehen, nämlich die Haltung des Suchens zu unterstützen und die Trägheit des Geistes zu verhindern.

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stelzend durchs hohe gras
verbale krähen artikulieren
mit den augäpfeln hölzern
in der tasche klappern
knoten in der zunge
damit ich’s nicht vergesse

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die messer gehen
von hand zu hand
keiner merkt’s
keiner will’s
doch fließt das blut
von mund zu mund

zunächst geschrieben auf italienisch und veröffentlich in meinem neuen italienischen blog: http://blog.libero.it/terzariva (ein experiment: wie weit geht das hin- und herpendeln zwischen zwei sprachen (schon dies hier eine selbstübersetzung, was zu kritisieren wäre, denn es sollte texte geben, die mir auf deutsch auf die zunge kommen, und solche, die mir auf italienisch von selbst „zugeflogen“ kommen))

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[Wo das Meer stillsteht 2,14]

Stein auf der fensterbank

stein auf der fensterbank sieht zum fenster hinaus
läßt das ganze zimmer sich zum abhang neigen
in versunkenen schiffen lebender fisch      bereit, zu gräten zu faulen
von der axt zerhackte musik
bäume, immer noch beschäftigt mit grünen fünf-finger-übungen
regenguß, der immer innehält am fenster
benutzt sein innehalten, sich ins zimmer zu schleichen
schleicht sich ein in dich wie der gleichgültige schimmer des steins
ein ganzer ozean neigt sich seinem anfang zu
während du überwacht wirst, kletterst du in ein weichtier
ahnungslos geformt wie eine leiche
die jederzeit von einer krähe angepickt werden könnte
das glas vergrößert die drohung, ohne zu sprechen
ein grauer augapfel starrt dein gesicht an      und ignoriert dich

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Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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mein turm hat keine fenster
alle meine augen malen
strichmännchen an die wände
jeder strich ist ein strick
jeder punkt ein ende
jedes komma eine pause
zwischen nie und immer

mein turm hat keine türen
alle meine ichs sind darinnen
oder sind es nicht
nur die klopfzeichen wissen

mein turm hat weder decke
noch boden und alle meine
zungen sprechen pipelines
die sich scheinbar endlos
durch die wüste ziehen
bis nach timbuktu
wo das endlose endet
und nichts anfängt

mein turm hat keine wände
aber die sind meterdick

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kopfsteinpflasterworte
für den holperigen text
alles andere ist zu glatt

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 2,1

2,1 Was die Lehren betrifft, so seien sie dieser Art. Die Essenzen der Götter hatten keinen Ursprung: Das, was ewig ist, hat keinen Ursprung, und ewig ist, was die erste Kraft hat, auch erleidet es nichts, ganz wie es seiner Natur entspricht. Sie stammen nicht von Körpern ab: unkörperlich sind bereits ihre Kräfte: sie sind an keinem Ort, was hingegen den Körpern eigen; noch sind sie getrennt von der ersten Ursache oder voneinander, so wie die Eingebungen nicht von der Intelligenz, die Kenntnisse nicht von der Seele und die Gefühle nicht vom Lebendigen getrennt sind.

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