autopsie

täglich legten sie die leiche ihrer jahre
auf den obduktionstisch
schnitten hier, sezierten dort
als sie das nunmehr blutleere herz
aus dem aufgeklappten brustkorb
herausgenommen hatten
wollte niemand mehr hinsehen

jeder dachte plötzlich an eine ferne insel
an einen seltenen schmetterling
prüfte den sitz der haare oder
kontrollierte seinen reißverschluß

die zugenähte leiche kam für den
nächsten tag ins kühlfach
um das kalte neonlicht summten
später nur noch ein paar fliegen

(9.1.2002)

Veröffentlicht unter schublade | Kommentar hinterlassen

[Wo das Meer stillsteht 4,7]

Die gestalt der gespenster

3

nein. aber angenommen, gespenster könnten nicht umhin, eines menschen alter zu haben, hätte tod dann noch einen sinn? verweste kinder *), zu scharen versammelt, würden das dunkelrote fleisch des jüngsten ins leben rufen. ist nicht auch die fliege, die in deinen mund fällt, tausende von jahren alt? sie legte ihre eier zu gleicher zeit. ein in deinem fleisch vergrabener kleiner weißer same erleuchtet dich. denn fleisch ist das einzige, das zum leuchten gebracht werden kann. den toten gefällt die zeremonie der geburt.

bei der feier zu einem fünftausendsten geburtstag wirst du all deine vergangenen du’s wiedererkennen – und das gespenst, das niemals dahinschwinden kann. einander träumend wie in einer umarmung unter der warmen berührung eines fingers, der nicht berühren kann, bist du und du zu einer familie geworden. es kann nur dieser körper sein, ein unzählige male verloren gegangener ort, und beide sitzen sie auf dem kleinen platz aus stein, der das tiefere schwarz vergessen hat, das zurückgelassen wurde. nein. schmerz. tausend jahre dehnen sich in ein einziges zucken.

*) die englische übersetzung hat „rotted children“, die italienische „giorni marci“ und das chinesische orginal gibt folgendes wieder (leider ist es mir nicht gelungen, einen besseren scan herzustellen):

[Wo das Meer stillsteht 4,6] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,8]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

Veröffentlicht unter wo das meer stillsteht | Kommentar hinterlassen

es war als hätt’ der himmel
mich gezuckt wo ich ertrank
ins donnertal daß lippenschwall
den porsche vor dir fuhr
und augen auf asphalttangenten
in grelles schwarz entsetzt
was dann als raum an dir
vorüber kam geflossen
und rauschte flügelprasselnd
als ginge es nach haus

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | 1 Kommentar

käfige X

worum es geht: um den käfig meiner geschichte. besser noch: um die käfige, in die mich meine geschichte einsperrt. in denen ich umhergehe, mit dem finger, der über die stäbe wie über saiten gleitet, deren klang jedoch dumpf nur an ein plumpsen erinnert. kein harmonischer nachklang, kein ausklingen, keine good vibrations. das sind die käfige, die ich meine. die ich meine nenne.
ich weiß nicht mehr, wer einmal sätze schrieb, die alle anfingen mit: „ich weiß noch, wie“, um einen erinnerungsprozeß einzuleiten, um die „ich weiß noch“ weitere „ich weiß noch“ auslösen zu lassen. im grunde sehr simpel. ich habe es schon einmal probiert und merkte: es funktioniert.
etwa:
ich weiß noch, wie einmal die ohre begradigt wurde. die ohre ist der grenzfluß zum kreis salzwedel (einst ddr), der dann bei magdeburg in die elbe fließt. sie fließt etwa einen kilometer entfernt von meinem heimatdorf (siehe wappen). das bedeutet u.a. auch, daß die grenze zur ddr zum greifen nahe lag (aber davon später). bei der begradigung wurden große schlammhügel aufgehäuft, in denen es u.a. von aalen wimmelte. ich weiß nicht, ob sie jemand gefangen hat. ich fuhr (ich weiß nicht mehr, mit wem) mit dem fahrrad dorthin – und erinnere mich an diese schlammhügel.

Veröffentlicht unter kaefige | Kommentar hinterlassen

käfige IX

raum ist das unausfüllbar begehbare
ein käfig ist das ausfüllbar unbegehbare

Veröffentlicht unter kaefige | Kommentar hinterlassen

Salustius, Über die Götter und die Welt – 7,2

7,2 Unvergänglich, weil man sie [die Welt] neu machen müßte, würde sie denn vergehen: entweder besser oder schlechter oder genauso; oder man gäbe Anlaß zum Chaos. Machte man sie schlechter, wäre derjenige ein Versager, der sie verschlechterte; machte man sie hingegen besser, fehlte es demjenigen an Gewalt, der sie nicht von Anfang an so machte; und machte man sie genauso, vollbrächte er ein vergebliches Werk. Was zum Abschluß das Chaos betrifft, ist es frevelhaft, ihm auch nur Aufmerksamkeit zu schenken.

[Salustius 7,1] <<>> [Salustius 7,3]

Veröffentlicht unter salustius | Kommentar hinterlassen

vormals entfundenes
empfinden
emporsimplut
bescheidungsweh
kranicht verstan
wo rast am ratzen
becken mess
im zissen wo

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

den mond den bind‘ ich
heute ins geäst : der soll
mir nicht untergeh’n

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Kommentar hinterlassen

Zum Zeichen des Sieges über die Wiedertäufer wurden die hingerichteten Anführer in einem Käfig am Turm der Lamberti Kirche aufgehängt.

käfige VIII

Schreib alles auf, was du weißt. Und auch, was du nicht weißt. Alles, was du dir wünschst, was du erträumst. Beschreib auch, wovor du dich fürchtest. Schreib es in diese Hefte hinein und schreib es an die Häuser, schreib’s auf Felsen und Autos – und wenn es drüben noch Bäume gibt, dann ritze es in die Rinden.
Alban Nikolai HERBST, Thetis

Damit eine Katharsis einträte und meine endgültige Befreiung sich vollziehe…
Michel LEIRIS, Mannesalter

Veröffentlicht unter kaefige | Kommentar hinterlassen

[Wo das Meer stillsteht 4,6]

Die gestalt der gespenster

2

der letzte tag hat zahllose türen – und läßt dich zur anderen seite gehen

im schweigen sitzen grad so wie im regen
versteigerter grund und boden – lernt zu leben, ohne zu atmen
ein an den kopf gehängter ozean wird in tausend äpfel injiziert
wenn der tod süß wird – reift auch der himmel

hätte das grün die abschiede aller verwandten gesammelt
die jahreszeiten öffneten die prächtige umfassungsmauer, um einen baum zu versetzen
dein schrecken versetzte dich ins lehrbuch

dann, wie die sterne nach dem tod, würde kein tag mehr verborgen sein
und jeder würde gespenster möglich machen

[Wo das Meer stillsteht 4,5] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,7]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

Veröffentlicht unter wo das meer stillsteht | Kommentar hinterlassen