zwiesprach 2

Er: hättste gern, daß es raschelt, doch horch, wie’s pfeift. ach nein, das waren ja die heizkörper. aber nun ist’s der nordwind.
Ich: besser wohl Rachelle.
Er: Diotimens raschelengel im „Mann ohne Eigenschaften“?
Ich: ja. doch welche mühsal, mein lesepensum kommt ins wanken.
Er: immer langsam voran. andere zeiten, andere rhythmen. langer atem.
Ich: und kurze stoßseufzer in der gegenwart.
Er: einmal pusten, und das gedichtchen beschlägt die innere fensterscheibe, so daß man draußen nichts mehr sieht.
Ich: so ja nun auch wieder nicht. die beschlagene fensterscheibe war schon immer fatal für wischende finger. darum haucht man sie ja oft willentlich an.
Er: und wo man wischt, wird’s verzerrend.
Ich: entzerrend, weil es durch scheinbare verzerrung das verzerrte zurechtzerrt.
Er: zerrstör mir meine kreise nicht!
Ich: sprach’s und ward das opfer geistiger bewaffneter niederungen.
Er: du kannst ja immer noch das beherzigen, was dir gestern empfohlen wurde: think BIG.
Ich: aber im kleinen.
Er: das ist ja nun wurscht. little big man.
Ich: hier, trink schon deinen kaffee : big brother is watching.
Er: verstehe: die arbeitsmoral, die arm in arm mit den ökonomischen bedürfnissen dem gassenhauer von der pflicht nachschunkelt.
Ich: helau!

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die heizung …

die heizung
pfeift in den abend
und dunkelt
was lampen
leugnen

der tag ist zuende

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wind-

wind-
wenn das laub noch zittert
den augen
und die ohren
das rascheln noch nicht vergessen
und deine finger
noch harren in warmer tasche
-gedicht

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zwiesprach 1

Er: keine dialoge mehr mit mir?
Ich: eigenschöpfungskraftillusion.
Er: also doch lieber femdschöpfungskrafttaten?
Ich: komische wörter, die wir da benutzen.
Er: sie schwanken wie schlecht zusammengehaltene flöße auf dem meer eines verkaterten gehirns.
Ich: lugtest du wieder insgeheim?
Er: ubi Caia ibi Caio.
Ich: na, immerhin bin ich gestern noch rechtzeitig vorm fernseher aufgewacht, als es ans guillotinieren ging.
Er: ah ja, zur französischen revolution. tja, wenn man sich unbedingt trauen will, erst whisky, dann rotwein zu trinken, darf man sich des nicht allzusehr verwundern.
Ich: tritt hier nun nicht gleich alles breit, bitte.
Er: auch nicht die kopflosigkeiten allüberall auf den tannenspitzen?
Ich: weihnachtsmann!
Er: schon gut. ist ein käffchen zu haben?
Ich: ich setz’ neuen auf, den rest von gestern möchte ich dir nicht vorsetzen.
Er: na, ich hoff’ zumindest, vor weihnachten noch ein paar mal dein gast sein zu dürfen.
Ich: chi verrà, vedrà.
Er: reimte der herr geheimrat.
Ich: komisch, es liegt aber gar kein schnee!
Er: ach so, von wegen weihnachten und tannenspitzen…

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ihr roter unterarm …

ihr roter unterarm
in der schüssel
voll schweineblut

schlachtezeit

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the inner net

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Amelia, 20.1.06

vorgestern stürzte ein 20 meter breites stück der stadtmauer von amelia ein (etwa 10 km von hier) : die unteren, unregelmäßigen quader lagen dort seit vorrömischen zeiten

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ton trakl n’existe pas …

ton trakl n’existe pas
sa pierre minuscule
avec ton nom
jetée dans le bruit
de la neige

o rocks
you might say

und dich betten ins bild

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[Wo das Meer stillsteht 4,16]

Porträt eines mittelalterlichen heiligen

ruhige einwilligung in den tod vor zeiten
wenn ein name eine art weisheit aufhebt
fleisch – akzeptiert letztendlich das gold des leidens

jedes kind lernt, das weinen zu nutzen
um darüber zu disputieren, ob die nachtphilosophien
stets mehr seien als die nächte selbst

ein requiem kann nicht singen, was jenseits der wunden liegt
noch können pinselstriche
die unpassende belichtung der augen wiedergeben

der tiefe himmel erlaubt nicht, daß man in ihn hineinfällt
seitdem – was wir erfunden
ist nichts als wortreiche distanz zwischen ohr und auge

[Wo das Meer stillsteht 4,15] <<>> [Wo das Meer stillsteht 4,17]
Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

„wenn ein name eine art weisheit aufhebt“ – für: „when a name cancels a kind of wisdom“, die italienische übersetzung hat: „come un nome neutralizza una intelligenza“. mich lockte hier das dreideutige „aufheben“.

„zwischen ohr und auge“ – für: „between ear and eye“, die italienische übersetzung hat statt dessen: „tra bocca e timpano“ (zwischen mund und trommelfell) — was interessante überlegungen zu den sinnesorganen eingibt : zwischen mund und ohr schien mir einleuchtender zunächst : dann aber der gedankengang : daß zwar ohr immer auch eine parabolantenne zum empfangen : daß zwar auge immer auch eine linse zum empfangen : daß zwar mund immer auch eine höhle zum empfangen der laute, die darin hausen wollen : hier erstes zögern : den mund als empfänger empfinden wir : wenn’s ans essen und trinken geht . das ohr aber als sender : kommt uns nicht in den sinn : auch nicht das auge als sender (es sei denn gegenüber der geliebten oder des gehaßten : if looks could kill) : dennoch scheint mir : als sei wahrnehmung gleichzeitig auch ein mitteilen der wahrnehmung : insofern teilt das ohr mit : teilt das auge mit : nimmt der mund jenseits aller seiner geschmacksnerven auf der zunge wahr : wenn er spricht

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es regnet …

es regnet
eine feststellung
aber kein feste burg
nur
eine wahrnehmung
dessen
was in deinem kopf
als triefendes haar
sich projiziert

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