Kleopatra

Eines der Dinge, an die ich erst ganz zuletzt denke, wenn ich den Namen Kleopatra ausspreche, dürfte wohl das Wort von Pascal in bezug auf ihre Nase sein, und ich weiß nicht einmal, ob sie länger oder kürzer hätte sein müssen, damit das Antlitz der Welt dadurch in auffälliger Weise verändert wäre.

[…]

Wenn ich die Bedingungen überprüfe, unter denen Kleopatra, die Königin von Ägypten, ihren Tagen ein Ende gesetzt hat, dann beeindruckt mich das Zusammentreffen dieser beiden Elemente: einerseits die mörderische Schlange, das männliche Symbol par excellence, – andrerseits die Feigen, unter denen sie versteckt war, ein geläufiges Bild des weiblichen Organs. Ohne daß ich versuchen wollte, hierin etwas anderes zu sehen als ein Zufallsergebnis, kann ich doch nicht umhin anzumerken, mit welcher Genauigkeit diese Begegnung von Symbolen dem entspricht, was für mich der tiefere Sinn des Selbstmordes ist: gleichzeitig Selbst und ein Anderer zu sein, männlich und weiblich, Subjekt und Objekt, das was getötet wird und das was tötet, – die einzige Möglichkeit einer Kommunion mit sich selbst. Wenn ich an die absolute Liebe denke – diese Vereinigung nicht von zwei Wesen (oder eines Wesens und der Welt), sondern viel eher von zwei großen Worten – dann scheint es mir, sie ließe sich nur durch das Mittel der Buße erreichen, jener des Prometheus vergleichbar, der bestraft wurde, weil er das Feuer geraubt hatte. Eine Strafe, die man sich auferlegt, um das Recht zu erwerben, sich selbst zu sehr zu lieben, dies erscheint also, in letzter Analyse, als die Bedeutung des Selbstmords.

Michel LEIRIS, Mannesalter

ich bin der und ich bin die

Helmut SCHULZE, Äpfelschuh‘

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