nemontemi

So entstehen [im Kalender der Azteken] 260 Kombinationen, unterteilt in 20 Gruppen zu je 13, ausgehend vom Tag 1 cipactli [Krokodil] bis hin zum Tag 13 xochitl [Binse]. Jede Zweier-Kombination ist ein tonalli, der eigentliche Name des Tages und Sinnbild eines Schicksals, das auf beinahe nicht wiedergutzumachende Weise das Leben desjenigen zeichnen wird, der diesen Namen trägt. […] Hier sei ganz einfach gesagt, daß der Tonalli als notwendige Voraussetzung eines jeden Daseins erscheint. Sehen wir einmal, was es mit den schrecklichen nemontemi auf sich hatte, […] die das 360-Tage-Jahr vervollständigten. „Diese fünf Tage hatten weder Namen noch Zeichen“, so die eingeborenen Informatoren von Sahagún [dieses und die folgenden Zitate aus seiner Historia general de la cosas de la Nueva España]. Wird eine zeitliche Dauer durch keinen Tonalli geprägt, ist das Leben aufgehoben: „während dieser Tage wurde nichts getan; die Paläste und Tempel waren verlassen; kein Streitfall wurde diskutiert; alle blieben bei sich zu Hause und enthielten sich des Fegens; man begnügte sich damit, den Staub auszuschütteln…“. […] „Keiner durfte tagsüber schlafen, bei Strafe des nicht mehr Aufwachens. Keiner durfte stolpern oder fallen… Von dem, der hinfiel und sich verletzte oder krank wurde, sagte man: ‚er wird nicht wieder aufstehen’, und keiner hegte Hoffnungen für ihn… Selbst seine Eltern ließen ihn dort, wo er lag, und verloren alles Interesse an ihm, denn die nemontemi waren Tage des Schreckens…“. Unselig, wer an einem dieser Tage geboren wurde: der von den Schicksalen ausgeschlossene Unglückliche, der dazu verurteilt war, keinen Namen zu tragen, konnte keinen sozialen Status erlangen: „Man floh ihn, man fürchtete ihn… Er gehörte nirgendwo dazu. Er zählte nicht. Vergeblich war er ein Mensch.“ Die nemontemi, die namenlosen Tage, wurden von den Azteken nicht einmal als Unglückstage wahrgenommen: das hätte geheißen, sie mit einem Inhalt zu füllen. Die nemontemi bringen am Ende eines Jahres ganz reell eine tote Zeit […].

Nach: Christian DUVERGER, Il fiore letale

Dieser Beitrag wurde unter Unkategorisiert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu nemontemi

  1. Grau sagt:

    Verzweifelt …suche ich nach dem evolutionären Sinn für diese „nemontemi“. Der Gedanke, etwas ist absolut leer, ist erschreckend. Oder doch nicht?

    • parallalie sagt:

      ich dächte an das, was überzählig ist : wie die 13 : oder auch an stämme in vorgeschichtlicher zeit : die sich der mitglieder entledigten : die nicht ernährt werden konnten : eine ritualisierung dieser nicht zu ernährenden überzahl : aber es sind nur denkansätze : ich kann sonst nichts näheres darüber sagen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.