mir wachsen …

mir wachsen
nackte füße
aus den ohren
die mir den
mund zuhalten

die römischen zisternen von Amelia waren nicht zu besichtigen, als wir dort ankamen: „naja, so unterirdische feuchte räume, in denen wasser von der decke tropft.“ sagt’ ich. „schreib’ das doch so.“ lachte sie.

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du bist nicht du …

du bist nicht du
auch wenn du’s bist

du ist du
wo ich ist ich

raus ist
ich oder du

wenn du seiend
dennoch bist

oder ich mir
zum trotze bin

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Gestern die Kapernsträucher, die aus einer Mauer hervorwuchsen (und heute wohl auch noch hervorwachsen) und die ich niemals bemerkt hätte. Sie hatte sie an den Blüten erkannt. Doch ich
ich schau’ nicht, was du schaust
ich sehe dich, die schaut
(Pedro Salinas, La voz a ti debida).

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dem tragischen …

dem tragischen
helden
der sich im alter
von einhundertdrei
jahren in den
arno stürzte

er mochte nicht mehr

er hatte pech, er wurde „gerettet“. es sei nicht klar, warum er das getan habe.
Firenze, 26 lug. – (Adnkronos) – Un uomo di 103 anni ha cercato questa mattina di togliersi la vita gettandosi nell’Arno, a Firenze, all’altezza della passerella dell’Isolotto, alle Cascine. A seguito di una segnalazione, sul posto sono intervenuti gli agenti del Reparto a cavallo della polizia. Gli agenti si sono gettati in acqua e hanno tratto l’anziano in salvo, riportandolo a riva. Secondo quanto si e’ appreso, l’ultracentenario, era a Firenze ospite di un convento di suore Stimmatine, ordine di cui fa parte la sua unica figlia. L’anziano, secondo quanto spiegato dai familiari, conduce tuttora una vita attiva ed e’ lucido. Non e’ chiaro il motivo che lo ha spinto a compiere il gesto. In via precauzionale il 103enne e’ stato ricoverato per accertamenti all’ospedale di Santa Maria Nuova.

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Zwei Töne (Ungaretti)

zwei töne (Due note)
1927

gräser beringend ein schmaler bach

eines sees düsternis himmels wasserbläue kränkt

Inanella erbe un rivolo,

Un lago torvo il cielo glauco offende.

Giuseppe Ungaretti

Schon vor Jahren nicht weitergekommen hiermit. Wegen „un“ „il“, kein Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ. Wer kränkt, beleidigt hier wen? Zweideutig, auch in der frühen Fassung: „dann traf er auf einen düsteren See, den/der – der/den blaugrüne(n) Himmel beleidigt bzw. kränkt“ – Poi incontrò un lago torvo / che il cielo glauco offende. Die einzige Möglichkeit, die Zweideutigkeit auch im Deutschen wiederzugeben, war das Femininum. Die Verlaufsform des Verbs [eine im nachhinein zurückgenommen] ergab sich mir aus der Situation des Beobachtens: es geschieht, was ich seh’. Den Titel suggeriert der ursprüngliche „Colore“. Aigner, den ich las, hat:
Zwei Merkmale
1927

Ein kleiner Bach beringt die Gräser,

den blaugrünen Himmel beleidigt ein düsterer See.

eher feststellend als beobachtend im Ton… in solchen Fällen ist jedes Bessermachen ein Andersmachen, ein Lesen. Ein Auchlesen.

p.s. Das ist es wohl: in einem alten Wörterbuch fand ich „wasserblau“ für „glauco“, und so kann wohl der Himmel den düstern See beleidigen.

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finst’ …

finst’
um
nacht
licht
sacht
sich
senkt

dir’s
sich

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Zu schreiben, daß ich ihn, den Berg, auch ohne Brille seh’, geht ohne Brille auch wieder nicht. Zu sagen, daß er unvermittelt dasteht, macht ihn zum Vorwand, das Unvermittelte, es aufgebend, zu behaupten. Es sei denn, der Leser setzte sich ganz im Sinne eines „wer das liest, ist doof“ auf meinen Stuhl in diesem Moment. Oder nicht?

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Klage der Flöten um Tammuz

Ihre Klage geht um einen großen Strom, wo keine Weiden wachsen.
Ihre Klage geht um ein Feld, wo Korn und Gräser nicht wachsen.
Ihre Klage geht um einen Teich, wo Fische nicht gedeihen.
Ihre Klage geht um ein Schilfdickicht, in dem Schilf nicht wächst.
Ihre Klage geht um Wälder, in denen Tamarisken nicht wachsen.
Ihre Klage geht um eine Wildnis, wo Zypressen nicht wachsen.
Ihre Klage geht um das Dunkel eines Gartens voller Bäume, wo Honig und Wein nicht gedeihen.
Ihre Klage geht um Wiesen, auf denen Pflanzen nicht wachsen.
Ihre Klage geht um einen Palast, wo des Lebens Länge nicht zunimmt.

Wiedergegeben als „Klage der Flöten um Tammuz“ (babylonisch) in Frazers „Goldenem Zweig“ (im XXX. Kapitel)

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ich welke dich …

ich welke dich
und trink’ dir nicht
ich sterbe dich
und faß dich an
ich rühre dich
und blasse dich
ich halt’ die hand
daß blatt für blatt
ich halt’ die hand
mir fällt was ein
ich halt’s nicht aus
und blüh’, verblüh’
die hand schon voll
die blätter sind’s
so welk so bar
der red’ ich halt’
die hand und blüh’
was ich berühr’
und welke dich

der durst sei mir

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sfiorire / sfiorare

Aller Blumen Königin die Rose Blume der Liebe doch lieber noch als Blume meines Lebens Blume die nicht welkt Blume die ich nicht … sfioro
Immer lebst du in deinem Tun Mit den Spitzen deiner Finger … sfiori … die Welt …
Mari der eine (Cento poesie d’amore a Ladyhawke), Salinas der andere (ital. Übersetzung von La voz a ti debida), bei dem einen endet’s so, bei dem andern beginnt es so. Sfiorire / sfiorare. Welken („verblühen, verwelken“) / berühren („streifen; streifen, nahe sein an; kurz berühren, streifen, andeuten“). Sfioro / sfioro. Sfiorisci / sfiori. Das Welken mag berühren, aber es berührt nichts, intransitiv wie es ist. Es müßte denn ein Berühren geben, das intransitiv ein Alles berührt, das grammatisch im Verb selbst schon vorhanden ist. Ein solche Gleichzeitigkeit von Welken und Berühren wäre der Tod, in dem sich ein Alles vollzieht. Aber im Leben läßt sich niemals in zwei Sprachen der gleiche Gedanke in Worten ausdrücken, die als Gleichung gelten könnten. Es bleibt bei den Gleichnissen und den Netzen, die man um diesen Umstand herum strickt. Spinnt.

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