Zusatz zu „Gezeichnet“

Der Zerfall der Individualität heute lehrt nicht bloß deren Kategorie als historisch verstehen, sondern weckt auch Zweifel an ihrem positiven Wesen. Das Unrecht, das dem Individuum widerfährt, war in der Konkurrenzphase dessen eigenes Prinzip. Das bezieht sich aber nicht nur auf die Funktion des Einzelnen und seiner partikularen Interessen in der Gesellschaft, sondern auch auf die innere Zusammensetzung von Individualität selber. In ihrem Zeichen stand die Tendenz zur Emanzipation des Menschen, aber sie ist zugleich das Resultat eben jener Mechanismen, von denen es die Menschheit zu emanzipieren gilt. In der Selbständigkeit und Unvergleichlichkeit des Individuums kristallisiert sich der Widerstand gegen die blinde, unterdrückende Macht des irrationalen Ganzen. Aber dieser Widerstand war historisch nur möglich durch die Blindheit und Irrationalität jenes selbständigen und unvergleichlichen Individuums. Umgekehrt jedoch bleibt, was dem Ganzen als Partikulares unbedingt sich entgegensetzt, schlecht und undurchsichtig dem Bestehenden verhaftet. Die radikal individuellen, unaufgelösten Züge an einem Menschen sind stets beides in eins, das vom je herrschenden System nicht ganz Erfaßte, glücklich Überlebende und die Male der Verstümmelung, welche das System seinen Angehörigen antut. In ihnen wiederholen sich übertreibend Grundbestimmungen des Systems: im Geiz etwa das feste Eigentum, in der eingebildeten Krankheit die reflexionslose Selbsterhaltung. Indem kraft solcher Züge das Individuum sich gegen den Zwang von Natur und Gesellschaft, Krankheit und Bankrott, krampfhaft zu behaupten trachtet, nehmen jene Züge selber notwendig das Zwanghafte an. In seiner innersten Zelle stößt das Individuum auf die gleiche Macht, vor der es in sich selber flieht. Das macht seine Flucht zu einer hoffnungslosen Chimäre. Die Komödien Molières wissen von diesem Fluch der Individuation nicht weniger als die Zeichnungen Daumiers; die Nationalsozialisten aber, die das Individuum abschaffen, weiden ich behaglich an jenem Fluch und etablieren Spitzweg als ihren klassischen Maler.
Nur gegen die verhärtete Gesellschaft, nicht absolut, repräsentiert das verhärtete Individuum das Bessere. Es hält die Scham fest über das, was das Kollektiv dem Einzelnen immer wieder antut und was sich vollendet, wenn es keinen Einzelnen mehr gibt. Die entselbsteten Gefolgsleute von heute sind die Konsequenz der spleenigen Apotheker, passionierten Rosenzüchter und politischen Krüppel von Anno dazumal.

Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung – Aufzeichnungen und Entwürfe

obacht : der beobachtung : das beobachtete kehrt zum beobachtenden zurück : und macht ihn zum gegenstand der : obacht : (ohne ihn dem kreislauf zu entheben : und der hoffnung auf besseres : nicht verlustig gehen zu lassen)

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 17,7

17,7 Weiter: Alles, was vergeht, löst sich entweder in seine Bestandteile auf, oder es verschwindet im Nichts. Löst es sich in seine Bestandteile auf, dann gehen daraus wieder andere Dinge hervor (wäre dies nicht so, warum gab es die Bestandteile zuerst?). Falls hingegen die Dinge im Nichts untergehen, was spräche dagegen, daß dies auch dem Gott geschehe? Wenn es in seiner Macht liegt, dies zu verhindern, dann gehört sie nicht Einem, der in der Lage wäre, nur sich selbst zu retten. Außerdem ist es desgleichen unmöglich, daß die Dinge, die sind, aus Dingen hervorgehen, die nicht sind; oder daß diejenigen, die sind, im Nichts verschwinden.

[Salustius 17,6] <<>> [Salustius 17,8]
Einleitendes

ach so, kleine anmerkung: mittlerweile hilft der erwähnten italienischen übersetzung auch noch eine englische auf die beine: „Sallustius: Concerning the Gods and the Universe. Edited with Prolegomena & Translation by Arthur Darby Nock, Fellow of Clare College, Cambridge, Sometimes Scholar of Trinity“, Chicago 1996 (reprint der ausgabe: Cambridge 1926).

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du darfst auch …

du darfst auch
peinlich sein
wenn dein bauch
dir kind will sein

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Gezeichnet

Im Alter von 40 bis 50 Jahren [vielleicht auch darüber?] pflegen die Menschen eine seltsame Erfahrung zu machen. Sie entdecken, daß die meisten derer, mit denen sie aufgewachsen sind und Kontakt behielten, Störungen der Gewohnheiten und des Bewußtseins zeigen. Einer läßt in der Arbeit so nach, daß sein Geschäft verkommt, einer zerstört seine Ehe, ohne daß die Schuld bei der Frau läge, einer begeht Unterschlagungen. Aber auch die, bei denen einschneidende Ereignisse nicht eintreten, tragen Anzeichen von Dekomposition. Die Unterhaltung mit ihnen wird schal, bramarbasierend, faselig. Während der Alternde früher auch von den anderen geistigen Elan empfing, erfährt er sich jetzt als den einzigen fast, der freiwillig ein sachliches Interesse zeigt.
Zu Beginn ist er geneigt, die Entwicklung seiner Altersgenossen als widrigen Zufall anzusehen. Gerade sie haben sich zum Schlechten verändert. Vielleicht liegt es an der Generation und ihrem besonderen äußeren Schicksal. Schließlich entdeckt er, daß die Erfahrung ihm vertraut ist, nur aus einem anderen Aspekt: dem der Jugend gegenüber den Erwachsenen. War er damals nicht überzeugt, daß bei diesem und jenem Lehrer, den Onkeln und Tanten, Freunden der Eltern, später bei den Professoren der Universität oder dem Chef des Lehrlings etwas nicht stimmte! Sei es, daß sie einen lächerlichen verrückten Zug aufwiesen, sei es, daß ihre Gegenwart besonders öde, lästig, enttäuschend war.
Damals machte er sich keine Gedanken, nahm die Inferiorität der Erwachsenen einfach als Naturtatsache hin. Jetzt wird ihm bestätigt: unter den gegebenen Verhältnissen führt der Vollzug der bloßen Existenz bei Erhaltung einzelner Fertigkeiten, technischer oder intellektueller, schon im Mannesalter zum Kretinismus. Auch die Weltmännischen sind nicht ausgenommen. Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, daß sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden.

Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung – Aufzeichnungen und Entwürfe

morgen der „Zusatz“ dazu : es ist nicht immer möglich : mit eigenen worten zu sprechen : und verwiesen wurde ich auf diese : durch den freund : der heute seinen 54. begeht : ihm die geistesgegenwart!

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Kafka

ich übernehme gern das bei Herbst verlinkte kopfschütteln über ein bewußtes ignorieren, hier in den schlußworten des betreffenden artikels des davon betroffenen:
Mache jeder sich selbst ein Bild davon, ob die Vorwürfe berechtigt sind. Einfach so laufenlassen, das geht nicht. Man sollte – denken. – Roland Reuß

der process processiert sich processierend selbst und wird „in contumacia“ erschossen.

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 17,6

17,6 Wenn dann behauptet wird, die Materie bleibe ohne Form: Warum geschieht dies – erstens – der ganzen Welt und nicht ihren Teilen? Zweitens: sie benehmen den Dingen ihre Schönheit, nicht ihr Dasein.

[Salustius 17,5] <<>> [Salustius 17,7]
Einleitendes

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durch dich …

durch dich
durch sein
die durch-
strecke

die dich zur
strecke bringt

strecke
dich du
dein aug’
mach zu

wecke nicht
du : decke

dich zu
ist wahr
das aug’
das wach

das morgen
geworden

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 17,5

17,5 Entsteht eine andere Materie anstelle derjenigen, die vergeht, dann stammt sie entweder von Dingen, die sind, oder von solchen, die nicht sind.
Falls sie von Dingen stammt, die sind: sofern diese als solche ewig dauern, besteht auch die Materie für immer. Falls hingegen die Dinge, die sind, vergehen, dann bedeutet dies nicht nur die Zerstörung der kosmischen Ordnung, sondern von Allem.
Stammt aber die Materie von Dingen, die nicht sind: dann ist es erstens unmöglich, das etwas von Dingen stammt, die nicht sind. Aber selbst angenommen, dies sei möglich, und die Materie stamme von Dingen, die nicht sind: so lange letztere dauern, wird auch Materie da sein. Sicher ist, daß Dinge, die nicht sind, nicht vergehen können.

[Salustius 17,4] <<>> [Salustius 17,6]
Einleitendes

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will-nich‘-nach‘ …

will-nich’-nach’
im augennich’
sprich’ nich’
von spiegellich’
von sich’gesich’
dich’ wollen
ohne dich’

e T escludo
: ge-h-gedich’

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Salustius, Über die Götter und die Welt – 17,4

17,4 Außerdem vergeht, was vergeht, entweder in der Materie oder in der Form. Form ist die Gestalt, Materie der Körper. Wenn also die Formen vergehen, aber die Materie bleibt, sehen wir andere Formen entstehen.
Wenn hingegen die Materie vergeht: wie kommt es, daß sie sich in all dieser Zeit nicht erschöpft hat?

[Salustius 17,3] <<>> [Salustius 17,5]
Einleitendes

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