[Wo das Meer stillsteht 2,22]

Biographie

4. Was ungelesen ist

ameisen wissen, wie man über das gesicht auf dem foto klettert
ameisen – gehen auf weit offenen augen
und treten auf schwarz oder fleischfarbene worte

geschmeidig – wagen sie nicht einmal, dicht aufzuschließen
ameisensäure gilbt den nachmittag – breitet sich aus

die innereien einer toten katze sammeln fliegen um sich
laut schreien, draußen vorm fenster, von den kiefern herabhängend, vögel

wer auch immer nicht liest – hört
die federspitze eines sturms dicht am papier rascheln
über dich hinweg – und die jahreszeiten auf deinem gesicht
augäpfel – wie schnee, der in eine augenhöhle einbricht
zählen eins nach dem andern die fallenden beine der ameisen

alles fällt hinein – in die vollkommene vorstellung des todes

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Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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2 Kommentare zu

  1. hab sagt:

    das ist doch sehr tröstlich. überhaupt: die ameisen als die heimlichen tröster. während fliegen, egoistisch, immer nur das weite suchen …

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