[Wo das Meer stillsteht 3,4]

Der himmel verschiebt sich

du weißt, daß dort nichts ist – nicht mal der himmel
wenn ein schneeweißes skelett durch ein laken aus blau aufgelöst wird
das deck des grabes schaut immer so lange, bis ihm schwindlig wird
jeder tagesanbruch welkt rasch dahin
das fenster – wie eine von blendenden strahlen erleuchtete tribüne
dein kleines bett im klang des vom sturm gehaltenen vortrags
zieht sich immer noch zurück in die letzte nacht – jene richtung, in der kein du war
keine vögel – schwärme von zementwolken dröhnen in den bäumen
je mehr du töricht deinen kopf hebst, desto mehr füllt sprudelndes blut deinen mund

was sich verschiebt, ist die karte – verläßt den ort deiner bitteren tränen
ausgetretene schuhe reiben anmaßend ihre füße an deinen augen
was sich verschiebt, ist ein blauer panther – im wehklagen von kühen und schafen
der tausend mal geschlachtete alte – ruft nach seiner mutter
du mußt dich setzen an diesem tunnelgleichen ort
hörst du voll achtung dem tode zu, verschiebst du dich – wirst du verschoben

verlassen sein von der richtung eines sterns und zugewandt der anderen richtung
auch das sein, was in deinem schlaf verloren gegangen – in worte gefaßt
aller tage mondlicht wird gelb durch zur flucht gebrachtes fleisch
wie schleim auf den laken

verwesung – verschiebt sich ungeachtet des geschlechts in weiße buchumschläge
macht, daß sich der himmel in dir durch dich hindurch blättert
der vater steht und füllt dein sehen aus
eine von generation zu generation weitergereichte einsamkeit
hastig sich vermischende pferderudel – laufen wild auf dich zu
ein eulenlächeln auf dem antlitz der schneeblinden
das ist die vergangenheit – in der verfallenen vorhalle des sich verschiebenden himmels
du bist vergangenheit und siehst nichts – hell und leer
zwingst einen einzelnen baum, sich über einen pechscharzen vordergrund zu türmen

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Text nach YANG LIAN, Dove si ferma il mare

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da wieder du : gardine
du wieder : im licht der gardine
kaum merkliches zittern
in der lichtstille
zwischen schattenrahmen
und schattenrahmen

und ein brief : von dir
ungeöffnet auf dem tisch
helles weißes rechteck
du wieder : verschlossen

ihn öffnen : mich öffnen

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alles in mir schmiegt sich
in die falten der landschaft
verbergen will verbergen
mich in ihrer haut
hinter den schollen
aus dunkler erde
mich blenden lassen
morgens vom licht
oder aufsetzen
eine brille aus laub
nichts sonst
habe ich
an

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die kaffeemaschine brüllt
zum pop aus tausend lautsprechern
stimmen verlieren sich
fünf minuten fünfzig cents
noch eine stunde bis zur abfahrt
blog – was bleibt ist blog
im zeitloch zwischen jetzt und dann

reisen: abwesenheiten

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Fremdheit ist wie das vergebliche Reiben an einem Fleck

Wilhelm GENAZINO

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mit dem rücken voran
in richtung münchen
so sollte man immer
zurückfahren
während vor einem
sich breitet vergangenes

…fast als entließe mich
das was zurückbleibt
in ein anderes zurück
das als ziel
sich nicht in die zukunft
projizieren lassen will

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durch den wald auf sandwegen
mit schlingerndem fahrrad und
lichtbotschaften als strichcode
regelmäßig stehender fichten
die zu lesen mein sehen mich hindert

wäre ich zu fuß, ich bückte mich
nach einem knüppel im moos:
bliebe er hängen in den ästen
dann wüßte ich um die bäume

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von schwelle zu schwelle

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schreiben ein schlafen
im schlaf der anderen
wenn morgens im schrägen licht
ziergräser um einen glatten rasen
gespiegelt im fenster sich wiegen

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im gehen beleuchtet
zigarettenglut
den dunklen parkweg
dann unwillkürlich
den kopf vorstrecken
und die augen
zusammenkneifen
und einen meter
vor dem ende des weges
ausrufen:
„hier geht’s nicht weiter“

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