nicht mich sehen
sondern das, was die eule
gestern gesehen
als sie ins dunkel flüchtete
aufgescheucht von den scheinwerfern
meines autos und
sehr dicht vor meiner
windschutzscheibe
über die straße flog
mit ihren weiten
weißgrauen schwingen

wie aber sah ich da aus?
wie eine vorüberhuschende
grelle belästigung
in einer lärmenden blechkiste?

(Der Spiegel // welch einen traurigen gegenstand / haben die menschen erfunden! / jeder der sich spiegelt / steht sich selbst gegenüber / und wer fragt / ist gleichzeitig befragter / um tiefer einzudringen / muß der mensch das gegenteil tun / und sich entfernen – Kikuo TAKANO)

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die erste silbe gellend
ruf‘ ich dich immer dann
wenn du dich scheren sollst

dann reimst du „bellend“
und rufst hingegen mich
als wär‘ mein name dein gebell

du aber verstellst dich nicht:
ich soll tatsächlich kommen

(ich habe es vorgezogen, den titel „auf den hund gekommen“ zu löschen: zu gängige münze, zu sehr schublade, zu sehr den rest des textes verleumdend. denn ich wollte ja nicht beschreiben, daß ich „in schlechte verhältnisse geraten bin“, sondern etwas ganz anderes. – ergo: den gängigen floskeln mißtrauen, mit denen man sich gemeinhin des denkens enthebt.)

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Hand, such den anderen Weg
Laß nach, laß nach und nach
Die Dinge, die du genommen;
Versuch den Weg, auf dem nichts bleibt
In der Hand.

Hand, such den anderen Weg
Wenn du dann alles verloren,
Was du gelassen,
Die Leere, ja!
Die Hände leer
Zusammen dann
In einer schlichten Geste.

Kikuo TAKANO (1927) (nach einer ital. Übersetzung)

[ich gebe zu, die übersetzung aus dem italienischen ließ mich über „severo“ stolpern, was eigentlich „streng“ bedeutet, aber eines meiner wörterbücher ließ mich „schlicht“ wählen. die „schlichte geste“ nahm dann eine sehr religiöse bedeutung an, und jetzt, als ich mich wieder daran setze, kommen mir sogar diese omnipräsenten „betenden hände“ Dürers vor augen, so daß zwei korrekturen dem rechnung trugen. so daß „oh, il vuoto!“ zu „Die Leere, ja!“ wurde. oder geschah dies vor den „betenden händen“. ich weiß es nicht mehr, glaube aber [sträuben sich doch hier meine finger: wollen gleich das „glaube“ wieder löschen], die leere sei für mich lehre.]

[alles wegen der hände : und bezieht sich auf das, was unten steht, so wie man in einem chronologischen text „oben“ sagt : also das oben ist durch das unten bedingt : ist darum die form der textanordnung in einem weblog demokratisch?]

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dein seidenes haar

(so lang gewachsen in all der zeit!)

das eilig die buchhandlung durchquerte

ließ mich heut’ fast

mein wahrnehmen für wahr nehmen

leugnete schließlich mein wahrnehmen

denn dein seidenes haar

es wurde einverleibt

von irgendeinem treppengeländer

das – trotz suchender blicke –

dein seidenes haar

nicht mehr aus den händen ließ

derer, die an ihm sich hinaufzogen

als wäre dein seidenes haar

das gleiten der hände

auf dem treppengeländer

 

aber keine hände glitten

über das treppengeländer

nur meine glitten mit mir

über das treppengeländer der wahrnehmung

hinüber in die seide spinnenden hände

dein seidenes haar

dein aus meinen händen gesponnener seide gesponnenes haar

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eine sternschnuppe
und ich wünschte mir nichts
noch eine sternschnuppe
und der wunsch entstand a posteriori
eine dritte sternschnuppe
und ich wünschte mir eine vierte
die aber kam nicht

über den zaun hinweg
beschrieb lediglich
die noch glimmende kippe
eine rotleuchtende bahn

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du färbst deine grauen haaransätze
und ich sitze hier und versuche
farbe in meinen grauen alltag zu bringen
und ein jeder von uns klagt
über die wie immer
zu kurz bemessene zeit

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am wege gefunden:

„Wenn keiner mir glaubt, wie soll ich es den Völkern und den italienischen Behörden und denen der ganzen Welt sagen, daß bald ein Meteorit größer als Umbrien auf die Erde fallen wird?“

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es scheinen vollkommenheiten, aber nur
für deine augen: sie haben keinen wert;

wie viele feinde in einem freund,
und in wieviel ruhe birgt sich ein dieb!

wie viele wohlgestaltete pferde
kommen, schwach geworden, nicht ans ziel!

wie viele kamele auf reisen – des nachts –
hält nicht zurück der schwierige weg!

so schleppt der kummer den liebenden
dorthin, wo askese und furcht sich verbinden:

unglück dem manne, den unwissenheit plagt,
dessen körper sie loben, und nimmer den geist!

fast zum fliegen taugt als flügel das geld:
aber schon hängt er lahm – nein, es bleibt kein gut:

wie viele männer voll würde in niedriger tracht!
ein schwert wird poliert, nicht der juwel.

IBN HAMDIS (geb. 1056 in Siracusa, gest. 1133 in Algerien oder auf Mallorca)
(Deutsch von mir nach der italienischen Übersetzung von F. M. Corrao und E. Sanguineti)

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es dringen immer so worte an : „o beguile“ : „obergeil“ : und die hand fährt dabei in die haare : streicht sie zurück : streicht sie glatt : oder bringt sie in unordnung : und am liebsten möchte ich jetzt nicht : vor den spiegel treten : lieber nicht : lieber noch einmal mit der hand über den kopf : „o beguile“ : „obergeil“ : und die sonne praßt : mit prunkenden pranken : prasselt licht : (was ich nicht hier erfahre : die fensterläden sind immer noch zu : was ich aber erfahren habe : noch hausen ihre strahlen in den poren) : und mit der hand mich wieder versichern : hier hört der kopf auf

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woher nehme ich, wenn
nicht aus dem nordwind,
die kälte, die mir steigt
bis ans herz hinan?

woher nehme ich, wenn
nicht aus deinem blick,
die ferne, die mich bringt
von süd- nach norden?

woher nehme ich, wenn
nicht aus vollem glas,
die träne, die nicht fließt
aus trock’nem auge?

woher nehme ich, wenn
nicht aus schwarzer nacht,
die blindheit, die mir hilft
zum weiterstolpern?

woher nehme ich, wenn
nicht aus hohlem bauch,
die worte, die ich brauch’
zum weiterleben?

(schade, daß ich solche worte nicht wirklich lebe, wenngleich im schreiben fühle. fast schon zwanghaft ergibt sich der text, ist er einmal angefangen. und zu oft die scheu, noch mehr hineinzulegen, noch mehr pathos, noch mehr „non hai più fulmini, inesorabil ciel!“ (geste! große, weit ausholende geste! genau das nämlich, was mich aber abstößt an einem futuristen wie Marinetti (bei gelegenheit sollte ich etwas von ihm hierhersetzen in meiner übersetzung, damit deutlich wird, was ich meine (aber ein deutscher mag sich da mutatis mutandis an seinen Theodor Körner halten))). und aus dieser parenthese mich befreiend und den angesponnenen opernfaden weiter durch die finger gehen lassend: hat auch zu tun mit dem, was mich an dem adjektiv „opernhaft“ bei ANH spontan ansprach.)

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