wie ich ihn auch
drehe und wende
der zettel den ich
heute morgen
zusammen mit
einem kugelschreiber
in die tasche
gesteckt und
gerade wieder
hervorgezogen habe
ist leer

Hätte ich etwas auf den Zettel geschrieben, wäre ich mein eigener Rezipient geblieben, aber auch dann, wenn nichts darauf gestanden hätte, dann wäre meine eigene vermeintliche Einfallslosigkeit und augenscheinlich stumpf gewordene Wahrnehmungsfähigkeit allerdings tatsächlich ins Leere gegangen (ich bemerkte heute – dies nebenbei – ein Loch auf dem angrenzenden Stück Land: das Erdreich hatte irgendwo unten nachgegeben, die Oberfläche war nachgesackt). Indem ich aber quasi transkribiere, was zu rezipieren ich anderen nicht vorenthalten will (auch wenn ich nur indirekt weiß, wer die anderen evtl. sein könnten), wird die Leere zum Text. Auch wieder falsch dies „nicht vorenthalten will“. Niemand verlangt, daß ich hier etwas schreibe: Der einzige, der dies verlangt, bin ich. Der einzige, der rezipiert werden will, bin ich. Der einzige, der meint, daß ich rezipiert werden solle, bin ich. Wobei ich auch wieder merke, daß alle Sätze zu revidieren sind, wenngleich sie frisch aufbrechend forsch voranschreiten: Ein leer gebliebener Zettel ist nicht zu revidieren, man kann ihn nur anschauen, ihn drehen und wenden und denken: Aha, hattest wieder mal keine Lust zu schreiben! Denn Wahrnehmen (erst stand dort „Sehen“, aber das ist nur eine Art der Wahrnehmung) und Einprägen hat mit dem Schreiben nichts zu tun.
Der Prozeß ist ein anderer: Es ist nicht mein Ohr, das mich hören will. Es ist mein projiziertes Ohr, das mich hören SOLL. Und als projiziertes Ohr soll es dem imaginierten und als Leser-Ich projizierten Alter Ego (Anders-Ich) zum Resonanzboden werden, der in mir wiederklingen läßt, was ich auf den Saiten meiner My-Heart-Strings-are-a-Lute zur eigenen Genugtuung heraushören möchte. Ein sehr vertracktes und Überraschungen bereitendes Spiel, dessen Regeln sich oft aus den Texten selbst ergeben. Ich selbst bin deren Dirigent meistens nicht, wenn ich auch versuche, meinen Themensträngen zu folgen und ihren Vorgaben zu gehorchen.
Es ist, als wollte ich jedes Mal, wenn ich auf „Veröffentlichen“ klicke, ein mir noch unbekanntes Spiel in Gang setzen. Daß dabei auch viel verspielt wird, dessen bin ich mir nur halbwegs bewußt. Auch Spielen macht süchtig!
Indirekt ist dies auch ein Nachhall zu der von ANH angesprochenen Rezeptionstheorie. Dennoch bezieht sich das Obige unmittelbar auf die Art des Publizierens in einem Weblog.

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