Kummerchor (November 17)

Nach dem Vorbild ihrer Scheunen
Errichteten unsere Kawenzmänner Kirchen und Abteien
Die sie ins Tal stellten
Es hübsch zu machen und zu meditieren
Fromm im Schatten
Der Jahrhunderte während
Ihre Handflächen dem Stein ihre Liebe zur Jungfrau übertrugen
– Erträumt von Kindheit an neben dem Knistern der Kaminfeuer –
Ruhig lächelte die sinnliche Schönheit
Eine lange lange Zeit
In ihr vermischten sich Mutter und Freundin
Ich war das Kind auf dem linken Arm
Im Schutz der eleganten Falten der Madonna
Eines Tages dann – ohne Vorwarnung ohne Grund –
stürzten sich Berserker auf die wohlgefügten Blöcke
Und was Meisterhand erschaffen, fiel in den Bach
Zerbröckelte im Wasserlauf
Granaten Maschinengewehre der Schreie untröstliches Echo
Alles vereinte sich gegen die kunstvollen Chöre
Katapultierte Kapitelle geplatzte Tympana
Das Lächeln des Engels dem entvölkerten Himmel zugewandt
Schiffe versanken und Kirchenfenster
Was in den Kreuzgängen zerbarst, kippte um in wilder Empörung
Und wir heute hier
Befragen die Ruinen an den Nachmittagen im November
Das Tal ist hell, vag nur erheben die Schemen
Der Pfeiler sich über der verbliebenen Leere
Verstimmt gesungene Psalmen der Stille in Moll

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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2 Kommentare zu Kummerchor (November 17)

  1. Crève choeur war ein Wortspiel, das richtige Wort wie Sie wissen ist: „crève coeur“. In diesem Gedicht ist das Herz durch das Chor ersetzt worden, denn wenn man in dieser Gegend lebt, merkt man immer wieder die nach dem ersten Weltkrieg wieder erbauten Kirchen(art nouveau), die im XII. Jahrhundert errichtet worden waren. Eine Abtei nahe beim Chemin des Dames steht in Ruinen, der Name ist „Vauclair“, deswegen steht am Ende „Das Tal ist hell“: Le val est clair. Das Lächeln des Engels erinnert an Reims (l’Ange au sourire), denn die Dächer der kathedrale von Reims waren zerstört worden, und es entwickelte sich nach dem Krieg eine Polemik über den Wiederaufbau der Kathedrale: „Bürger gegen Künstler“, die Bürger waren dafür die Künstler dagegen… Danke für Ihre prächitge Übersetzung, deren letzter Vers mir besonders gefällt.

    • Ja, das war mir klar mit dem Wortspiel. Ich hatte zunächst „Jammerchor“, aber das klang eher nach „Katzenjammer“, und die letzte Zeile stimmte es dann ein auf „Kummerchor“, vor allem das abschließende „Moll“. Danke für die anderen Erklärungen. Ich weiß sehr wenig über die geschichtlichen Hintergründe und schreibe aus einem Gefühl heraus, das ich schon früher beschrieben habe. Zeit, etwas mehr dazu zu lesen. – Ich sah auf der Laon-Seite bei Facebook, daß Sie morgen Ihre „libération“ von 1918 feiern. Ich werde daran denken und schicke affectueux saluts!

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