Mütter (November 1917)

Prosaische Gottheiten, eingeschlossen in die Nacht der Küchen
Blaue oder weiße Schürzen – ab dreißig dann schwarze
Wir haben die Kleinen gewickelt und nicht gespart
Mit Zärtlichkeiten, unaufhörlich, das einzig Wahre
Am Brunnen der Liebe besänftigte Ängste, nie versiegende Quelle, Milch des Lebens
Es brauchte Schritte, es brauchte Mühen und Nächte
Wer weiß schon, was es bedeutet, mit vollen Armen diese Zärtlichkeit zu leben
Unter der Last, sie wachsen zu lassen, brach unser Körper zusammen
Rituale, ernste Tänze und vor allem Respekt – haben wir ihnen alles beigebracht
Alles – Respekt und nochmals Respekt – es war nie genug
Auf die harte Art erzogen
Sie wurden großgezogen
Und welkten dahin beim Vereiteln ihrer Wünsche, denen sie Gehorsam schuldeten
Dann eines Morgens im Sommer, wenn es dämmert, ohne ein Warum
Wir sahen sie gehen – deutlich noch die Erinnerung an das triefende Taschentuch
Man versieht sie mit Schrott auf dem Kopf, an den Armen
Sie graben – nur dafür haben wir sie empfangen –
Gräber und Gräben
Gräben und Gräber
Ihre schmutzverschmierten Briefe
Voller Liebe für uns in der Ferne und voller Hass für die Vettern dicht dabei
Notfackeln in der Nacht der Ailette
Die ihre erschreckten Gesichter bescheinen
Und im Hagel der Granaten geht alle Ehrfurcht flöten, die ihnen auf der Stirne geschrieben
Heut’ am friedlichen Platz sitzen sie, die Mütter, murmeln leis’ noch die Vornamen
Streicheln Frätzchen, schaukeln gemach ihre kleinen Körper, die sich davonmachen
Ein Lied, das sich erinnert, was hätte sein können
Der Krieg hat nunmehr weder Hoch- noch Nachsaison
Und die Menschen auf der Suche nach etwas Neuem für sich an diesen Herbstufern
Es ist spät, und die Novembermütter da unten haben aufgehört, auf ein “merci” zu warten.

Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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2 Kommentare zu Mütter (November 1917)

  1. Wunderschön lieber Helmut. Ich bin tief ergriffen. Alles gefällt mir sehr; ich weiss nicht warum, es ist als hätte ein anderer, ein Deutscher, den Text geschrieben… Und ich glaube, es ist auch der Fall. Je suis très ému, merci .

    • Ich bin ja selber dankbar wegen dieser Gelegenheit, mich mit „meiner“ Geschichte auseinanderzusetzen, das kommt nicht oft vor. So ist es ein Sich-Hineinversetzen. Vielleicht helfen sogar meine nicht gerade exzellenten Französisch-Kenntnisse. Das zwingt mich zu einer wahrscheinlich heilsamen Langsamkeit.

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