Carlo Dossi: Kopros

Carlo DOSSI (1849-1910)

Κόπρος

Es gab in Mailand vor wenigen Jahren nicht weit vom Amphitheater, das sie dell’Arena nennen, und vielleicht gibt es ihn noch immer, da nun einmal die Fortschritte des Kehrbesens, sowohl was die physische, als auch was die moralische Verfassung anbelangt, in Italien recht langsam vonstatten gehen, einen Ort, an dem ich bei meinen eiligen, kurzen Spaziergängen niemals vorübergehen konnte ohne stehenzubleiben. Nichts, was dem Blick und dem Geruchssinn widerwärtiger wäre als jener Ort, doch die Großartigkeit selber des Abstoßenden bildete seine Hauptanziehungskraft. Malt euch eine sehr weiträumige Wiese aus, umgeben von einer doppelten Reihe Roßkastanien, welche der männliche und zuweilen auch der weibliche Teil des benachbarten Viertels – eines Armeleuteviertels -, indem er die grauenvollen Kloaken floh, welche die Ironie der Baubehörde mit dem Beiwort bequem geschmückt, aufsuchte, das Übermaß seiner Bäuche zu deponieren… Es hilft nichts, meine Damen, daß ihr ein Hüsteln fabriziert und das Riechfläschchen unter eure Nasenflügel haltet. Ich hatte euch sehr wohl gesehen und fahre fort. In der lebendigen Welt hat es nicht nur Rosen: und von der toten konserviert man, studiert man auch die Koprolithen. Keine von euch ist im übrigen verpflichtet mir zu folgen. Wendet euch, mög’ Gott euch segnen, anderen Skizzen zu, welche den Wohlgeruch von Liebe und veloutine ausströmen. Wir sehen uns in einer nächsten „Byzantine“ wieder, und eure erkaufte Veilchenwitterung wird dann auch den letzten Modergeruch jener aufrichtigen Menschlichkeit zerstreuen, die zu durchqueren ich mich anschicke.
Es war also eine große Wiese, über welche sich ein sozusagen abgeschlossener Traktat über die Konklusionen der Verdauung ausbreitete. Die medizinische Chemie hätte dort höchstinteressante Studien über die ungeheure Mühsal treiben können, welche sich armer Leute Ventrikeln auf den Hals laden, haufenweise unnahrhaftes Zeug zu zermahlen; und die Moralphilosophie möchte zuweilen bei der Durchmesserbestimmung jener konischen Ausgänge die Schamgeißel des Blutes auf den Wangen verspürt haben. Eine in ihre Farben vollständige Malerpalette, ein Museum der Formen war’s. Hier abgefädelte schwarze Obstipationsperlen gleich Strophen Enotrio Romanos oder die Romane Salvatore Farinas nachahmender milchiger Brei, wurmhaft-quabblige Ansammlungen Salomonis, die an die Phantasien Dossis erinnterten, oder sich aufrichtende greuliche Schlangen, daß es schien, sie hätten Augen wie die Gedichte Ferdinando Fontanas: viel grün, außerdem den Gärten abgeschnittenes Wasser – Dramen von Leopoldo Marenco oder Sonette von Stecchetti: reichlich gelb – grenzenlose Polentafladen – wahrhaftiger bonghianischer Wortschwall, Cantù und seine Weltgeschichte.
Angesichts der kolossalen Obszönität solchen Spektakels, welches das Bild eines, von der Höhe eines Berges betrachteten leichenübersäten Schlachtfeldes wiedergab, war meine erste Empfindung die der Heiterkeit. Der Kot hat etwas eigentümlich Groteskes an sich. Laetamen (lehren die Grammatiker) bedeutet das ‚laetus’ Machende. Deshalb vielleicht raten es Plinius und die römische Pharmakopöe den Melancholikern an, deshalb wohl auch reicht es aus, seiner und seiner Surrogate Erwähnung zu tun, in einer Gesellschaft die gute Laune wiederherzustellen, die zuvor die hitzige Zutat der Politik in die Flucht geschlagen.
Allein, dem Grinsen folgte ein Zusammenziehen der Augenbrauen, diesem wiederum ein grauer Schwarm Gedanken.
Ich dachte:
Den Unglücklichen Geduld einzugeben, den Hochmut der Glücklichen niederzuwerfen, wieder hinzulenken auf die Wirklichkeit des Lebens, hat man bisher große Verschwendung mit dem Argument des Todes betrieben – dieses unermüdlichen Gleichmachers, jeden Ehrgeizes Schlußpunkt, jeden Schmerzes Punktum. Es war das memento, das der Henker, welcher gemeinsam mit dem lateinischen Triumphator auf demselben Wagen saß, diesem in lästiger Weise zubrummte; ihm, der während der Orgien mit Kelchen hantierte, deren Form die eines nackten Schädels oder die eines elfenbeinernen Knochengerippes (nächtliches Schreckbild); dessen gemaltes Abbild sich bei den Totentänzen durch die Klöster entrollte, oder das tagtäglich vom Trappisten ausgegraben wurden in seinem Rosengarten; es war die Vorstellung, daß es über den wimmelnden Märkten klapperdürr von den Kapellen herabhinge und aus den zahllosen Kehlen geistlicher Muße um reichlich Almosen flehte. Doch haben Vorstellung und Memento, allzuoft bemüht, an Schärfe verloren. Jene, ohne Rücksicht auf die Verdienstvollen allen gemeinsame Schuld scheint zu Unrecht jeden Unterschied aufrechtzuerhalten; und die posthume Wiedergutmachung, auf die man uns verweist, scheint zumindest recht fragwürdig. Wer mag von Gleichheit reden, wo das Nichts regiert? wer mag sich Trost erwarten, wenn jegliche Empfindung in ihm erloschen? Hora ruit! – ruft das Leckermaul und verdoppelt seine schmackhaften Bissen. – „Man stirbt!“ und der Geliebte dringt neuerlich verzückt in die Herzensliebste, flüstert an ihrem Ohr ein „laß uns einander verdoppeln“.
Das Phantasma des unabweislichen Endes, wie es denn das Gewissen des Unglücklichen nicht berührt – ein Gewissen, das seiner Seelenruhe wegen dem des Gerechten verglichen wird – noch auch irgendeine Leidenschaft abzutöten vermag, ist zum andern eher dazu geeignet, die menschliche Eigenliebe zu befördern, als sie zu zügeln. Ein Gott ohne Anfang und Ende, der (gesetzt den Fall) vergängliche Kreaturen erschafft, dünkt eine Selbstverständlichkeit: ein Sterblicher hingegen, der unsterbliche Taten vollbringt, gebeut Erstaunen und lehrt den Stolz. Weshalb überhaupt vom Tode sprechen? Dem Weisen, vor dessen Augen sich das ganze Universum in einer beständigen Metamorphose entfaltet, ist der Tod ein Unsinn ohne Anfang und Ende.
Es gibt jedoch eine andere Vorstellung – eben jene, welche besagte Wiese ausdrückte – die Tag für Tag und sehr viel wirksamer noch als das offene Grab unsern Hochmut zu bezwingen und uns mit guten Ratschlägen auszustatten vermag. Wenn der Jüngling, der liebetrunken vor der, wie Erasmus sagt, Torheit niederkniet, dieweil sie das runde und frische Gesichtchen eines Weibes trägt, darüber nachdächte, welch horrenden Zoll in ihrem Innern im Begriffe ist heranzureifen, er nähme Abstand davon, sie dea zu heißen. Bedächte der Mensch, der gierig sich mit den teuersten Speisen vollstopft, in was sich diese in seinem schwermütigen Leibessack verwandeln, er vergeudete nicht die Nahrung Vieler um einer Verdauungsstörung willen. Ein Kaiser, ein Papst vermögen in ihren Totengemächern, aufgebahrt auf dem großen Prunkbett, trefflich mit Werg gepolstert, im goldenen Schein der Fackeln umgeben von bewaffneten Kürassieren und von Bischöfen in cappa magna, die Ehrerbietung aufrechtzuerhalten, die sie im Leben einflößten; es scheint gar, die Majestät des Todes steigere noch diejenige der Krone. Außer, ihr stelltet euch diese Fürsten, diese Pontifexe auf dem anderen Throne vor, dem mit dem Loch, auf der cathedra stercoraria der lateranischen Säulenhalle, unter Anstrengungen bemüht, sich von der schlechtverdauten Furcht zu befreien, die sie sich beim Verbreiten derselben geschaffen; dann, so ihr dessen fähig, schenkt ihrer göttlichen Mission, ihrer Unfehlbarkeit noch Glauben! Keine wirksamere, überzeugendere Propaganda für den Kommunismus als diejenige, welche aus dem Schlund einer Abtrittsgrube aufsteigt.
Andere Male ließ ich mich in Gegenwart jenes immenses Korbes voll menschlicher Pilze dazu hinreißen, Vergleiche anzustellen zwischen den Völlereien der Reichen und den kaschierten nüchternen Mägen der Armen, geschweige denn zwischen ihren unvermeidlichen Korollarien.
Der Überfluß – so dacht’ ich – prunkt mit seinen Banketten, soweit, daß er deren Programme drucken und die Lobreden darauf in die Zeitungen setzen läßt: ist jedoch die Stunde gekommen, die Zeche seines Leibes zu bezahlen, verbirgt er sich an den geheimsten Orten, fast als handelte es sich um ein Staatsgeheimnis; kurz und gut, Hans Schmauser stiehlt öffentlich seine Mahlzeit, um deren Tara im Verborgenen zurückzuerstatten.
Lazarus hingegen geht mit seinem kalkigen Laib Brot an einen abseitig gelegenen Ort benagen, gleichsam als fürchte er, sein mächtiger, noch auch je zufriedener Nachbar entzöge ihm auch diesen: steht jedoch der Laib im Begriffe, den Ausgang zu seinem zweiten Leben anzustreben, entledigt er sich dessen, seiner selbst gewiß und beinahe als Herausforderung an seine Feinde, unter freiem Himmel.
Bis hierhin wenigstens drang meine Einbildungskraft vor, doch ach, wie sehr mußte die Wirklichkeit sie noch übertreffen! Eines Tages sah ich von der doppelten Reihe Roßkastanien aus, welche den Bereich umgrenzten, darin man der Kloakischen Venus opferte, einen Mann, oder besser den Schatten eines Mannes, der argwöhnischen Fußes vorwärtsschritt. Höchstwahrscheinlich kam er seine legitime Leibesfrucht auszusetzen, so daß ich mich hinter einen Baum zurückzog. Jener Mann war eine einzige Ansammlung von Lumpen, angefangen bei dem Gesicht, das jeder Farbe und jeden Alters verlustig gegangen. Nach den Resten einer Schirmmütze, den blauen Fransen seiner Kleider zu urteilen, schlösse man auf einen Arbeiter – Arbeiter einer Fabrik, wer weiß, wie lange schon wegen Bankrotts geschlossen! Seine Hände waren in Handschuhe aus Ruß, seine Füße in Schuhe aus Schlamm gehüllt. Und torkelnd nur, man würde sagen aufgrund einer alkoholbedingten Ataxie, kam er voran, während er forschend gespenstische Blicke in die Runde tat. Doch es hockte kein Konkurrent auf jedem öffentlichen Teppich nieder. Er ließ sich herab und… Entsetzen! Menschlich im Vergleich zu der seinen war die Speise des Grafen Ugolino.
Jener Platz war nicht nur der Friedhof für das tägliche Brot des Elends: er war auch der Tisch.

dt. von mir (anfang der 80er jahre)

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