DILEMMA – ich lese eine behauptung, die genau das negiert, was für mich hingegen affirmativ gilt. etwa in der art „ich habe weder das noch das gemacht“ („das“ und „das“ stehen für werte, die für mich latent negativ besetzt sind), dem mein „ich habe das und das gemacht“ (und hier desavouieren „das“ und „das“ mich als einen, der sich gegen diese zugeständnisse an scheinbar unabwendbares nicht hat wehren können) entgegensteht. diese das-bin-ich-nicht-sätze, die mir ins auge springen und mich dabei ertappen, das darin so formulierte andere als modellhaft hinstellen zu wollen, dem ich nicht entspreche. das bewirkt natürlich nicht der schreiber, was weiß der schreiber von mir? das bewirkt der leser! – es ist, als behauptete ich: „ich stecke meinen zeigefinger nicht in den arsch“.
nein, hier kommen ganz andere überlegungen ins feld, die ganz deutlich mit dem schreiben zu tun haben und möglicherweise auf diesem umweg auch mit dem bloggen selbst, oder mehr noch: mit dem niemandsland zwischen dem persönlichen tagebuch und dem anspruch, über das persönliche hinauszugehen und darum etwas zu schaffen (denn tagebuch ist nicht unbedingt ein kreatives unternehmen, denn es rekonstruiert schlimmstenfalls den im idealfall reflektierten unkreativen alltag, um dann als rechenschaftsbericht dazustehen). zum einen die brutale offenheit ganz eminent sich selbst gegenüber als voraussetzung für die nach außen gekehrte schreibende offenheit (offen – öffentlich), was das tagebuch in eine FREUDsche couch verwandelt oder es in ein instrument verwandelt, den lesern im sinne einer verzweifelten ich-behauptung ihr eigenes im vergleich zum ich des schreibenden minderwertiges ich um die ohren zu schlagen und zu erniedrigen (auch wenn der schreiber dies nicht bewußt veranschlagt): denn alle selbstbehauptung will sich gegenüber dem nicht identischen anderen durchsetzen, sich über ihn bzw. es hinwegsetzen. zum anderen die umwandlung des reflektierten in sprachliche reflexe einer sich im schreiben gebärenden welt… schönes bild: etwas, das sich selbst gebärt: fortpflanzung der einzeller: primitivstes leben! – also von vorn: zum einen die beschreibung eines allen gängigen geschmacksmustern zuwiderlaufenden ich, das so sich selbst auf die sprünge hilft und sich seiner selbst vergewissert (das unreflektierte ich); zum andern das sich in beziehung setzende ich, wobei es aus den vielfältigen beziehungen ein ganz eigenes geflecht und eine extrem individuelle eigenwelt entstehen läßt, wohin immer auch diese beziehungen sich verzweigen (das sich reflektierende ich).
und was hat das jetzt mit dieser – ja doch von ANH – initiierten diskussion zu tun (denn hier liegt der ausgangspunkt für diesen text!): um „antiquierte sprache“, um „poetische sprache“, um „bloggen“ und „sich verschiebende zeitachsen“? scheinbar nichts, ginge es nicht um schreiben und lesen tout court.
für mich persönlich gilt nach wie vor dieses: die scheinbare öffentlichkeit dieses blogs zwingt mich, mich zu äußern und zu veräußerlichen. und gar nicht so, wie ich das als student damals tat mit einem blatt papier vor mir, das ich am ende nur noch vollkritzelte mit hieroglyphen, die ich am nächsten tag gar nicht mehr verstand, geschweige denn guthieß. was nicht heißt, daß ich nicht auch hier zuweilen „bereue“. die öffentlichkeit zwingt zu einer art kontrolle, sogar zu einer selbstzensur: nicht alle themen sind für mich auf diese weise ansprechbar, besonders die nicht, die „ans eingemachte“ gehen: darum meine obigen ausführungen, sie können nur von mir ausgehen, was sonst wäre mein schreiben. das sogenannte „eingemachte“ bedarf einer behutsamen annäherung, das entsprechende „einweckglas“ könnte sonst einen fürchterlichen gestank von sich geben und die luft nachhaltig verpesten. ich muß vorsichtig sein! schließlich lebe ich nur dieses leben, und ich möchte es mir so lebenswert wie möglich erhalten.
allerdings bin ich zu sehr auf mich selbst bezogen und zu sehr erschreckt mich, was seit beginn dieses blogs an „literaturbetrieb“ in meine ja doch recht isolierte welt einbricht (aber es gilt auch: „schaden“ führt zu klugheit), als daß ich sehr viel weiter eingehen könnte auf dahinter liegende „gängige“ theorien. darum: immer aus dem hohlen bauch heraus (der ist natürlich auch nur hohl, weil er gerade fertig ist mit verdauen, denn ganz ohne nahrung geht’s auch nicht, auch wenn eine andere diät auf dem programm steht).

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