Eis am Stiel

Draußen im Dunkeln knackte weiter das uralte Eis, als versuchte es, selbst einem Argument Ausdruck zu verleihen.
Pynchon, Gegen den Tag

der Riß im Eis verschnörkelte sich knarrend und lebhaft. „Ans Ufer!“ Und ein Jeder verließ die unsichere Kruste und gewann das Ufer. „Ans Ufer! Ans Ufer!“ Ein Hauch von Angst ließ die flüchtige Gesellschaft auseinanderstieben. „Bleib!“ Sie drückte meinen verschränkten Arm an sich, ihre Finger verflochten sich zu lebendigen Fesseln mit meinen Fingern. „Bleib, wenn du mich liebst!“ Und blieben allein auf dem heimtückischen, menschenleeren Spiegel, weite Kreise im Dahinfliegen uns öffnend, trunken vor Unermeßlichkeit, taub für die Rufe. Mich leicht machend wie ein Gespenst, ohne mehr Vergangenheit zu haben, ohne Erinnerung, ergab ich mich, mit ihr, der tollen Übereinkunft, weite Kreise auf dem Glas zu hinterlassen. Vom Rand des Eises kam ein Knacken, unheilvoller noch… Vom Rand des Eises kam ein Knarren, dumpfer noch… Mich schauderte wie einen, dem schrill der Tod entgegengrinst, und bückte mich und wie betäubt sah ich, wie unsere Gesichter durchschienen, rücklings und dort unten bläulich blaß begraben… Vom Rand des Eises kam ein Knacken, stärker noch… Oh! Wie sehr, wie sehr trauerte ich, verschlungen mit ihren Fingern, der Welt und meinem süßen Leben nach! O herrisch die Stimme des Instinkts! O Lust des ewigen Lebens! Die Finger befreite ich von jenen Fingern, und gewann keuchend und besiegt das Ufer… Sie blieb allein, taub für ihren Namen, lang noch kreisend, allein in ihrem Reich. Schließlich ließ sie sich dazu herab, den Boden wieder zu berühren; und lachend kam sie an Land, die Locken aufgelöst, schön und keck, bebend wie ein Sturmvogel, der die Flügel anlegt. Ihres heftigen Atems und der Vorhaltungen der ausgelassenen weiblichen Schar nicht achtend, suchte sie und erreichte mich inmitten der Freunde in scherzhaft höflicher Laune: „Mein lieber Herr, ich danke Ihnen!“ Und reichte mir kurz die Hand, wobei sie zischte – Feigling! –
Nach Guido Gozzano: Winterlich

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3 Kommentare zu Eis am Stiel

  1. SubiQue sagt:

    ein schneeflockenkristall fällt nirgends auf der welt zwei mal in der gleichen form…

    …. wie schön sich d a s liest.

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