DILEMMA 2 – „Und schwarze zappelnde Menschenfische: ein Mädchen mit nacktem Oberkörper sprengte kekkernd heran, und die Haut hing ihr um die verschrumpften Brüste als Spitzenkrausen; aus den Achseln wehten ihr die Arme hinterher wie zwei weiße Leinenbänder. Die roten Wischlappen am Himmel schrubbten polternd Blut. Ein langer Plattenwagen voll gekochter und gebackener Menschen schwebte auf Gummirädern lautlos vorbei.“ – Arno SCHMIDT, Aus dem Leben eines Fauns
nun habe ich mich wieder in die brennesseln gesetzt, weil ich nur halb reflektierte, was mir spontan zu einem text einfiel: wieso argumentiere ich bei Alban Nikolai Herbst mit unmenschlichkeit bei einem text, der im grunde nichts anderes beschreibt, als das, was oben auszugsweise bei Schmidt [jetzt im weiterschreiben – eine nacht lag dazwischen – kommt auch noch die lang zurück liegende lektüre von Döblins „Berge, Meere und Giganten“ hinzu] steht? Herbst selbst zitiert auch noch eine zerstörung beschreibende stelle bei Homer. was also war in Herbsts text, das mich erschreckte (und dadurch unbewußt abschreckte, und was mir bei Schmidt und Homer nicht passiert)? eine frage der sprache durchaus. Homer und Schmidt benennen (wenngleich jeder anders) nicht direkt, vergleiche und metaphern helfen den blick dennoch abwenden, machen das grauen erträglicher, weil in der sprache selbst über die realität in eine andere realität hinausgehoben, die nicht mehr dem geschehen angehört (haut / spitzenkrausen; die auf der tenne dreschenden stiere / achilles‘ über leichname stampfende rosse). im argo-text wird das geschehen kaum durch vergleiche vermittelt, und die verwendeten vergleiche (pflaumenmus, ähren, schaumküsse) verschwinden in der masse der sich verselbständigenden menschlichen innereien. und vermitteln kein darüber hinaus. das einzige bild, das doch noch distanz suggeriert, ist der fernsehapparat am schluß, der all das zeigt. vielleicht ja hier die klippe, auf die der schiffbruch-zuschauer gehoben wird, was bei Schmidt und Homer die durch die bilder geleistet wird, die über die beschriebene realität hinausheben. aber das fernsehen schafft eine allzugroße distanz, als daß es katharsis erzeugen könnte. und daß dies nun ausgerechnet das TV ist, paßt allerdings in die gegenwart, in die der text erklärtermaßen eindringen will. das ist sogar symptomatisch für eine gegenwart, die unfähig ist, sich über die brutalität der welt zu entsetzen, wenn nicht durch einen allein unter die eigene haut gehenden halb lust- halb angstschauer, wobei die sicht auf die dinge entstellt wird durch die in jenem medium öffentlich suggerierten interpretationsmodelle, die allerdings auch nur die interessen der meinungsmacher interpretieren. behauptet wird, was geglaubt werden soll. – ja, und gerade durch den fernseher wird die beschriebene apokalypse noch unmenschlicher. (was wiederum auf die gefilmten enthauptungen im Irak indirekt verweist, und nicht zuletzt auch im reflex auf die kopf-ab!-äußerungen in den zeiten der Rote Armee Fraktion (stichwort „Menschheitserfahrung als Archetypos“ [Herbst]).
fazit: der argo-text löste in mir aus, was er in jedem leser auslösen sollte: kein ablehnen des textes, sondern immer auch ein abtasten der eigenen, normalerweise unzugänglich abgespeicherten bilder. die anfängliche reaktion ist die eines nachrichten-konsumenten, der nicht über das berichtete nachdenkt, sondern es durch klischeehafte kommentare zudeckt und so in seine bedrohte heile welt hinüberretten will.

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8 Kommentare zu

  1. Und es ist alles nur der Anfang. Ich bin gewillt, die Katastrophe n o ch deutlicher zu gestalten und zugleich zu rhytmisieren: d a s erst wird der Skandal sein. Aber ich denke, wir kommen anders an die Haut des Faktischen nicht heran.

    (Es wäre mir sehr recht, stellten Sie Ihren Text in ganzer Länge als Kommentar zu Argo bei mir ein. Insbesondere dann, wenn sich meine Weblog-Buch-Idee realisieren sollte, wäre es wichtig, gerade so etwas mit darin zu haben.)

  2. Mir fällt gerade auf, Ihren Text noch einmal lesend. Daß ich momentan daran bohre, gerade die sich immer und immer aufdrängenden Vergleiche und Metaphern w e g z u l a s s e n und es irgendwie zu schaffen, die Geschehen selbst in die Faust zu bekommen, sie zu berühren, mich ihnen auszusetzen. Und nur dann eine Metapher zuzulassen, wenn sie das Geschehen verschärft, anstatt es zu mildern. Aber was da jetzt steht, ist alles noch nur vorläufig. Dennoch verrenne ich mich bereits jetzt schon in Formulierungen, fleddere den Kluge usw., anstatt die Handlung voranzutreiben. Denn ich habe das Gefühl, nicht einfach skizierend über das Attentat hinwegschreiben zu dürfen.

    • parallalie sagt:

      und ich ertappe mich dabei, apokalyptischem nachzuspüren, und finde solches an stellen, die dagegen scheinbar immun schienen, z.b. SCHILLERs „Glocke“:

      Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm!
      Das ist Sturm!
      Rot wie Blut
      Ist der Himmel,
      Das ist nicht des Tages Glut!
      Welch Getümmel
      Straßen auf!
      Dampf wallt auf!
      Flackernd steigt die Feuersäule,
      Durch der Straße lange Zeile
      Wächst es fort mit Windeseile,
      Kochend wie aus Ofens Rachen
      Glühn die Lüfte, Balken krachen,
      Pfosten stürzen, Fenster klirren,
      Kinder jammern, Mütter irren,
      Tiere wimmern
      Unter Trümmern,
      Alles rennet, rettet, flüchtet,
      Taghell ist die Nacht gelichtet.
      […]
      Und als wollte sie im Wehen
      Mit sich fort der Erde Wucht
      Reißen in gewalt’ger Flucht,
      Wächst sie in des Himmels Höhen
      Riesengroß!
      Hoffnungslos
      Weicht der Mensch der Götterstärke,
      Müßig sieht er seine Werke
      Und bewundernd untergehen.

      ob es ganz ohne metaphern geht, glaube ich nicht, weil allein ein verb eine bildhafte übertragung sein kann, wenn es aus seinem „normalen“ kontext herausgenommen wird. alles fließet ohne grenzen ineinander, voneinander.

    • Das ist mir bewußt. Ich will nur die sagen wir: direkte Metapher vermeiden. Und habe eben noch einen poetologischen Nachtrag zu dem allerdings inzwischen schon sehr umgeschriebenen Anfangspart formuliert. (Die jeweils neuen Überarbeitungen stelle ich nicht in Die Dschungel, es muß ja noch etwas fürs Buch selbst übrigbleiben, das a u c h ein Ergebnis der im Netz geführten Diskussionen sein wird. Zumindest in Maßen.)

    • laralia sagt:

      keine metaphern mehr? das könnte dann auch bedeuten, wörter, deren metaphorik dem alltäglichen – und gar sonntäglichen – sprachgebrauch nicht mehr bewußt ist, nicht mehr zu gebrauchen:

      tischbein
      nasenflügel
      handschuh
      omnibus (öffentliches verkehrsmittel für alle)
      eisbein (für ein fleischgericht)
      buchstabe ( aus buchenstäben wurden die schon zu Gutenbergs zeiten nicht mehr gemacht)
      maus ( für dieses handliche pc-zubehör)
      ohrfeige

      … et aliter

      auch wäre zu tabuisieren:
      synästhesie
      das metaphorische wort „tabu“ ….

      jegliche symbolik in gedanken, worten und werken,
      auf dass dem mosaischen bildnisverbot strikt gehorcht werde

      😉 p.

    • laralia sagt:

      keine metaphern mehr?(2) … somit absage an die sprachlichen folgen jeder
      ein-bild-ungskraft …

      ist nicht wortsprache schon metaphorische sprache
      gegenüber der archaischen wortsprachlosen unmittelbaren zeigegestikulation, begleitet von grunzlauten,
      auf nützliche dinge, beute, wasserlöcher, essbare pflanzen, schützende höhlen …. ?

    • Nein nein, das ginge mir wieder zu weit. Unter der „direkten Metapher“ verstehe ich eine poetische Vergleichshaltung, insoweit sie handhabbar macht, nicht hingegen solche, die längst „Name“ wurden. Und ich versuche das nicht generell, sondern nur eben bei dieser Beschreibung des Attentats am Anfang von ARGO. Es geht mir nicht um eine Analogie zu Stevensons Verdikt gegen Adjektive. Nur habe ich das Gefühl, jede Metaphorisierung des Attentats lenkte am eigentlichen Grauen vorbei. (Wobei die, die es verüben, durchaus Gründe und möglicherweise gar keine andere Wahl haben, – das ist das tragische Moment der Anderswelt-Bücher. Bereits Thetis exerzierte das durch.)

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