ich muß mich anstrengen, am riemen reißen:
gestern nachmittag begleitete ich meine frau zum elternhaus ihrer kollegin, die am 22.8. im alter von 28 jahren starb ( /?p=2849 ): plötzlich und unerwartet, wie es so schön heißt. ein aufrechter vater, eine gebeugte mutter erwarteten uns. und ich mußte gleich zugeben – als einleitung -: „non ho fatto in tempo a conoscerla“. draußen noch die tante, schwester des vaters, die sich zu uns setzte, die schwester der kollegin, hochschwanger, die schwägerin der kollegin, ein nicht mehr als einjähriges mädchen im arm. ein angebundener zutraulicher hund. ein alleinstehendes haus, das wir schwierigkeiten hatten zu finden. der vater seit eh und je ein schafzüchter. gebürtig aus den abruzzen wie meine frau. „pecorari“ nennt man sie wohl zuweilen abwertend, die abruzzesen.
(und den vornamen meiner frau, ornella, verdanken die italiener ihm, gabriele d’annunzio, abruzzese auch er: „La figlia di Iorio“).
gespräche über tod und nicht-leben, über trotzdem-leben und leben. kaffee wurde angeboten. das zimmer der toten wurde gezeigt. und mir fiel glühendheiß ein, daß ja die fotos von meinem haus, die ich hier und da eingestreut habe in meine beiden weblogs, mit ihrer – SIMONAs – digitalcamera gemacht wurden. und die drei fotos von ihr mit leuchtend roten haaren, die im speicher der digitalcamera noch vorhanden waren, hatte ich damals gelöscht!
dann zum friedhof. das stille vorläufige grab. in der ecke. blumen, daß kaum noch platz war für andere. gerührt war ich auch: da fand ich die ganze familie wieder, sohn und schwiegersohn gossen wasser auf die blumen, rückten zurecht.
und ganz nachhaltig sie, die hochschwangere frau, nie sah ich so sehr eine werdende mutter. die zeit sei vorbei, in den nächsten zehn tagen sei es soweit! die gedrungene gestalt, der vorwölbende bauch, die dicken runden schenkel, die lippen selbst waren fast schon sinnlich selber vorgewölbt. alles an ihr war kommende mutter, alles war nahrung für das kommende kind. sie selbst war das kind, das sie in sich trug. all das, während das knapp einjährige mädchen dem großvater – ganz konzentriert in diese tätigkeit – weiße haare aus der von 1-2 knöpfen freigelassenen brust zupfte.
was mich dabei im grunde beeindruckte, war dies selbstverständliche, das dem schmerz trotzt, weil es sich nicht verdrängen lassen will vom tod. auch wenn er fürchterlich niederdrückt und nacken beugt und unfrieden stiftet in einem. (wie mir: dem katharsis nicht gegeben war dort: ich durfte nur ein leben nach dem tod aufbauen, kein vorleben rekonstruieren (also ward ich zurückgeworfen auf „meine toten“)).

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7 Kommentare zu

  1. laralia sagt:

    „am riemen reissen“ …? sind Sie denn Charon, der fährmann, der die toten über den Styx geleiten muß?

    ???:

    http://images.google.de/images?q=b%C3%B6cklin%20toteninsel&hl=de&lr=&ie=UTF-8&sa=N&tab=wi

    zu Ornella, Allerseelen:

    http://italian.about.com/library/name/blname_ornella.htm

    • parallalie sagt:

      nein, ich mußte nur aufpassen, daß mir die beschreibung der eindrücke nicht daneben geriet: ich wollt mich anstrengen, ich mußte mich tatsächlich konzentrieren. ich hoff‘, diese erklärung hilft weiter… charon? warum? eher schon dante. wer bin ich denn? ich fahr‘ doch keine seelen ins jenseits! eher schon bin ich bootsinsasse…

    • laralia sagt:

      „warum?“ … die riemen des ruderers Charon
      … die toten zuhause („meine toten“… erinnerung an unsere gespräche beim schwarzen kaffee )
      … die klage über fehlende katharsis
      … das nachtstück zuvor

      … die hier gegenwärtig werdende atmosphäre

      ………………………………….

    • parallalie sagt:

      ich steh‘ am strand und habe keine gewalt über die toten, eher haben sie gewalt über mich… fehlende katharsis? mir starb bei der oben beschriebenen gelegenheit niemand… fühlte mich fehl am platz… wußte nichts zu sagen, außer dem üblichen: „tja, so ist das nun einmal…“. über peinlichkeiten – zumindest für mich und mein empfinden – geht’s kaum hinaus…

    • laralia sagt:

      gewalt haben wollen? über die toten?

      über das eigene leben?:
      vgl. “ life cache“

      http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/691/38653/print.html

      die tote mutter überschreibt die aufzeichnungen des sohnes:

      http://www.nzz.ch/servlets/ch.nzz.newzz.DruckformatServlet?
      url=/2004/09/07/fe/article9U808.nzzoml

      und was ist Ihr lieblingsschmerz?

      http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=499802

    • Eine vermeintliche Absicht, die nur haben kann. Wer die Toten für lebendig hält.

      Leben sie aber, sind sie andere und haben uns nicht einmal vergessen.

    • parallalie sagt:

      Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
      Ein Greis, bedeckt mit scheeig weißen Haaren.
      „Weh euch, Verworfne!“ tönte sein Geschrei.
      „Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
      Ich komm‘, euch jenseits hin an das Gestad
      In ew’ge Nacht, in Hitz‘ und Frost zu fahren.
      Und du, lebend’ge Seele, die genaht,
      Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!“

      Dante, Hölle, III, 82 ff.

      Wie die toten dennoch lebendig werden, steht auch bei Dante.

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