für den seelenharm … (Ivano Ferrari)

für den seelenharm
gibt’s den lagerraum:
blutlose viertel und hälften
kärtchen mit geschlechtsangabe
bestimmungsort
genauem gewicht.
man spricht sich aus und tritt auf nierenabfall
knochensplitter und fettschichten.
freier dann verschlingen wir
scheiben rohen fleisches (von den besten vierteln)
grad’ mal ein bißchen salz
aber um so mehr hingabe

Ivano Ferrari, Macello *) (Schlachthof), dt. von mir

Per i problemi dell’anima
la sala stoccaggio:
coi quarti e le mezzene senza sangue
i cartellini del sesso
l’etichetta di destinazione
la delazione cosciente della bilancia.
Ci si confessa pestando reni di scarto
schegge d’ossa e strati di grasso.
Più liberi, dopo, divoriamo
fettine di carne cruda (dei quarti più belli)
appena un po’ di sale
e tanta devozione.

*) In: Nuovi Poeti Italiani 4, Torino 1994 (Einaudi: Collezione di poesia 249)

[…] und im offenen Busen des Viehes / Forscht sie mit starrendem Blicke die atmenden Eingeweide. – Äneide, IV, 63-64 (ü Voß)

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3 Antworten zu für den seelenharm … (Ivano Ferrari)

  1. sumuze sagt:

    Sehr schön! aber diese Zeilen verstehe ich nicht ganz:
    ‚i cartellini del sesso
    l’etichetta di destinazione‘
    =
    ‚kärtchen mit geschlechtsangabe
    bestimmungsort‘?

    Wäre

    ‚Kärtchen für’s Geschlecht
    Schilder für den Ort‘

    für Sie nicht passend?

    Und dannn daher so:

    für den seelenharm
    gibt’s den lagerraum:
    blutlose viertel und hälften
    kärtchen für’s geschlecht
    schilder für den ort
    das genaue gewicht.
    man spricht sich aus und tritt auf nierenabfall
    knochensplitter und fettschichten.
    freier dann verschlingen wir
    scheiben rohen fleisches (von den besten vierteln)
    grad’ mal ein bißchen salz
    aber um so mehr hingabe

    • parallalie sagt:

      ich seh’s sehr buchhalterisch und ernüchternd, das mit den „kärtchen“, ob nun „cartellini“ oder „etichette“: da hängen im schlachthof schweine- oder rinderhälften oder -viertel, fertig für den versand, darum „geschlechtsangabe“ (m oder w), darum „bestimmungsort“ („destinazione“ ließe sich höchstens noch als „zweckbestimmung“ übersetzen, aber nicht als ort), denn da hängt ware, die einen adressaten hat. hier findet der schlachter seine raison wieder, weil ihm seine „zweckbestimmung“ bewußt wird. so ungefähr. nein, ich würde es nach meinem empfinden nicht ändern.

    • sumuze sagt:

      Sie haben Recht. Ich wollte das doppelte ‚Angabe‘ in so etwas wie ‚Schilder mit der Zielangabe‘ vermeiden und die beiden Aussagen zu Etikett/Schild denoch erhalten. Ihr Aspekt aber scheint mir wichtiger.

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