Ergänzung zum gestrigen youtube:

Das mit Auslassungen gesprochene Gedicht in der Übersetzung von Hanno Helbling:

Nachtgesang eines wandernden Hirten in Asien

Was tust du, Mond, am Himmel?, sag es mir,
was tust du, stiller Mond?
Am Abend steigst du auf,
ziehst über Wüsten hin und läßt dich nieder.
Bist du noch nicht genug
gewandert so auf immer gleichen Wegen?
Bist du’s nicht müde, diese Lande wieder
und wieder anzuschauen?
Wie ähnlich ist dein Leben
dem Leben eines Hirten.
[…]
Und dennoch magst du, einsam-ew’ger Wandrer,
im träumend-wissenden Gedanken wohl
dies Erdenleben fassen
und unser Seufzen, unser Leid verstehen;
auch dieses Sterbenmüssen, dies Erblassen
des Angesichts zuletzt,
das Schwinden von der Erde, aus dem lieben,
vertrauten Umgang einst mit den Gefährten.
Und du begreifst gewiß,
warum die Dinge sind, und kannst die Früchte
des Morgens und des Abends,
der stillen Zeit, der ungemeßnen, sehn.
Du wißt gewiß, an welchen holden Trieben
der Frühling sich ergötzt
und wem die Hitze frommt und was der Winter
mit seinem Eise schafft.
So weißt du tausend Dinge, tausend schaust du,
die sich dem schlichten Hirten nie enthüllen.
[…]
Wenn ich die Flügel hätte,
um über Wolken hin
zu fliegen und die Sterne dort zu zählen
und wie der Donner durchs Gebirg zu irren,
wär ich wohl glücklicher, du liebe Herde,
wär ich wohl glücklicher, du reiner Mond.
Wohl aber mag mein Sinn
das Wahre, lockt ihn fremdes Los, verfehlen:
wohl wird auf dieser Erde,
im Haus wie in der Höhle, mit dem Leben
auch sein Verhängnis jeglichem gegeben.

Der Schlußakkord kommt jedoch mit abgestumpften Kanten, eigentlich ja „è funesto a chi nasce il dì natale“: unheilvoll ist, wem er aufgeht, der Tag der Geburt.

Mit Leopardi beginnt und vollendet sich die Moderne als Epoche des Nichts. Mit dem Mond versinkt auch der Sinn.
Stefan Ripplinger, Monduntergang – Leopardi, in: Auch. Aufsätze zur Literatur

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