Augustinus. Noch habe ich deine unangreifbaren innersten Wunden nicht berührt, und ich fürchte mich davor, wenn ich an den Widerspruch und an die Klagen denke, die du leichteren Angriffen entgegengestellt hast.
Petrarca. Fürchte nichts; schon habe ich mich gewöhnt, die Namen meiner Krankheiten zu hören und die Hand meines Arztes zu dulden.
Augustinus. Zwei diamantene Ketten fesseln dir beide Hände und lassen dich nicht des Todes noch des Lebens gedenken. Ohne dein Wollen können sie nicht zersprengt werden; ich besorge, du wirst nicht wollen. Du wirst sie gar nicht sehen; ihr strahlender, schmeichelnder Glanz wird dich blenden, es wird dir ergehen, wie einem Geizigen, der im Gefängniß Ketten von Gold trägt und die Freiheit zwar wünscht, aber das Gold nicht verlieren will. Das Gesetz deiner Haft aber ist dieses, daß du nicht entrinnen kannst, wenn du nicht die Ketten abwirfst.
Petrarca. Wie heißen diese beiden Ketten?
Augustinus. Liebe und Ruhm.
Petrarca. Was hör’ ich! Diese nennst du Ketten? willst sie mir nehmen, wenn ich es leide?
Augustinus. Es ist meine Absicht; ob es gelingt, weiß ich nicht. Du wirst widerstreben, als wollte ich dich der höchsten Güter berauben.

„Aus Petrarca’s Gesprächen mit dem heiligen Augustin“, in: Die Reime des Francesco Petrarca. Uebersetzt und erläutert von Karl Kekule und Ludwig von Biegeleben. Erster Band. Stuttgart und Tübingen. J. G. Cotta’scher Verlag. 1844. S. 20
ist auch kein streben, sich ketten nennen zu lassen, was frei sich bindet in aller ungebundenheit. sofern es denn gelingt. ich fürcht’, es sei vermessen.

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