Arme Rose! …

Arme Rose! Arm, wenn gleich im Prunkzimmer am Fenster hochansehnlich, nicht nur denen, die dir nahe sind, sondern auch von weitem. Arm doch, weil du getrennt von der Mutter Erde, abgeschnitten von der Natur bist, und in einem andern dir nicht eignen Element dein Leben dahin duftest. Ein trauriges Bild meines Einzigen bist du mir. Du dienst, Rose! du lebst nicht, du dienst. Jedes bewundert an dir Vollständigkeit, Farbe und Geruch, und dies Alles in ehrerbietiger Entfernung; denn wenn es dir näher kommt, ist es so furchtsam, als wenn du mehr als eine Rose wärest, und als wenn es sich nicht herausnehmen dürfte, deiner Hoheit sich zu nähern. Nur allein der großmächtigsten Gebieterin des Hauses ist es erlaubt, mit dir umzuspringen, als wärest du weniger als eine Rose. Dich betasten, und mit dir zu machen, was sie nur will, ohne Rede und Recht, ist der Alleinherrscherin eigen, wenn sie gleich heuchlerisch sagt, sie thue es von Gottes Gnaden. Wahrlich, Gott und der Natur gehörst du weniger, als dieser deiner Allergnädigsten, die das große Verdienst um dich hat, daß sie dich und die Natur schied und – denk des Vorzuges! – frisches Wasser und ein porcellanen Behältniß dir angedeihen ließ aus angeborner Huld und Gnade. Ein Vorzug, der, wenn du ihn beim Sonnenlicht besiehst, dich erniedriegt, weil er dir unnatürlich ist. Auf! auf! und strenge dich an, wenn deine Gebieterin und ihr Gefolge sich dir nähern, dufte doppelt stärker als sonst ihnen Wohlgerüche zu. Du duftest freilich nicht für Jedermann, wie die Rosen im Freien; und wenn jene gleich von Sonne und Mond beschienen, von Regen und Thau erquickt werden und im Schooß ihrer Familie leben, bist du ja doch in einem Zimmer mit goldenen Leisten, wo eine kristallene Krone die Sonne vorstellt – und sie schlecht macht. O der armen Rose! Wenn sie dann um die Hälfte früher stirbt, als die Regel der Natur es ihr vorschrieb; freilich, dann erst wartet ihrer ein neidenswerthes Schicksal. Gleich ist eine andere Blume in ihrer Stelle, die Jedermann besser findet, wie die Verstorbene; und ihre Gebieterin, o der unaussprechlichen Ehre! spricht, wenn es köstlich ist: „Schade!“ und vergißt den Augenblick, daß sie es gesagt hat. Nicht Alles wahr, mein Einziger? –
Theodor Gottlieb von HIPPEL: Handzeichnungen nach der Natur (Sämmtliche Werke – Siebenter Band – Berlin 1828)

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1 Antwort zu Arme Rose! …

  1. Sturznest sagt:

    Schade dass der Gute Gertrude Stein nicht kennenlernen durfte, dann wüsste er, dass eine Rose immer eine Rose ist

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