Der Mond und die Eibe

Dies ist das Licht der Erinnerung, kalt und planetarisch.
Die Bäume der Erinnerung sind schwarz. Das Licht ist blau.
Die Gräser entladen ihre Leiden auf meine Füße, als wär’ ich Gott,
Stechen meine Fußknöchel und murmeln von ihrer Demut.
Rauchige, geistige Dämpfe bewohnen diesen Ort,
Den eine Reihe von Grabsteinen von meinem Hause trennt.
Ich kann einfach nicht sehen, wo es hingehen soll.

Der Mond ist keine Tür. Ein sich selbst gerechtes Gesicht,
Weiß wie ein Knöchel und schrecklich außer Fassung.
Er zieht das Meer an sich wie ein dunkles Verbrechen; ruh’voll
Mit einem O-Mund voller Verzweiflung. Ich lebe hier.
Zweimal sonntags schrecken die Glocken den Himmel auf –
Acht Riesenzungen behaupten die Wiederauferstehung.
Am Ende dingdongen sie nüchtern ihre Namen aus.

Die Eibe zeigt hoch hinauf. Ihre Gestalt ist gotisch und schaurig.
Die Augen schauen hinter ihr auf und finden den Mond.
Luna, meine Mutter. Sie ist nicht wie Maria so sanft.
Ihre blauen Gewänder lassen frei kleine Fledermäuse und Eulen.
Wie sehr würde ich glauben an Zärtlichkeit –
Das Antlitz des Abbilds, durch Kerzen veredelt,
Sich zu mir – mir ganz besonders – beugend, die milden Augen.

Lange bin ich gefallen. Wolken blühen
Blau und mystisch über der Sterne Angesicht.
In der Kirche werden alle Heiligen fahlblau sein,
Gleiten auf ihren zarten Füßen über kalte Bänke,
Steif ihre Hände und Gesichter vor Heiligkeit.
Der Mond sieht nichts davon. Leer ist er und wüst.
Und die Botschaft der Eibe ist Schwärze – Schwärze und Schweigen.

Sylvia PLATH, The Moon and the Yew Tree (dt. von mir)

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