Schön schöner – Chemin (November 17)

Aufreizend gekleidet Fräuleins und ihre Favoriten
Wegestaufe mit Novemberlied: Es regnet, es regnet, die Erde wird naß
Helle Stimmen und weitab dort die Kutschenkirmes
Ringelpietz mit Adelsprädikat, verpuffte Welt
Von den Dames bleibt nur noch der Nam’
Schweben durch die Lüfte im Einerlei der Jahre
Schöne Damen von einst
Liebkosende Blicke auf blonden Weizen und verwunschene Täler
Dann nur noch violette Stille, die auf ihre Stunde wartet
In Bayonne schärfte man die Klingen
Anderswo wurden Gewehre aufgestellt
Lauernde Fabriken im Schatten des Jahrhunderts davor
Dann, auf ein geheimnisvolles Zeichen der neuen Zeit
Fiel auf die Helme Schrott vom Himmel
Und Bauern übten sich im Schaufeln
Begruben sich hastig in Löchern aus Schlamm
Und es hieß Durchhalten Durchhalten Durchhalten
Anders gesagt sterben
Noch heute schwebt hier Pulvergeruch
Heftiger Nebel, der in die Lungen dringt
Oh diese Stille
Auch der Regen läßt jetzt in Ruhe den letzten Schrott, der da immer noch liegt
Und man fragt sich
Wo sind in dieser herrlichen Wüste die Leichen geblieben
Man schaut ins Weite
Übersieht die Kreuze, ihr Durchkreuzen von Leben
Und deren Schatten dennoch
Den Horizont zerreißen

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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i’ve got six …

[…] ma non avevi occhiali,
non potevi vedermi
[…]
Montale, Xenia I

i’ve got six
got to gaze them
ohne brille

stolpern über
loiber die
wörter mit l
und mit b
e perdere
l’equilibrio
und pardauz
il gelo
commistio
tra xenia
e жена
seh’n sich so gleich
und ihnen ähnlich

es müssen
wohl sechs
gewesen sein

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Ein Brief (November 17)

Bis dahin
Liebe Frau
Sag den Kleinen, ich sei an der Front der Großen Lotterie
Sie werden verstehen
Sag ihnen nichts von Ehre
Nichts von Boden und Verteidigung
Unsere achtundzwanzig Morgen unsere drei Kühe
Sind nicht mein Leben wert
Ich vermisse euch sehr
Wenn Sterne und Fackeln sich vermischen
Hängen Tränen, ein Schluchzen am Novemberhimmel
Ich seh’ unsere Vergangenheit
Wenn ich das große Los ziehe (versprochen)
Machen wir Picknick da oben
Habt Geduld
Irgendwann kommt der Krieg aus der Mode
Nichts als Ekel
Diese Stiefel, diese Ratten, dieser Schlamm und Gestank
Hundert Jahre und sie fassen’s nicht mehr, was wir verbrochen
Auf das Baby, das du erwartest
Warte
Entbinde es nicht zu früh
Die Welt verdient es noch nicht
Wenn es dann kommt (mit dem Frieden)
Wird es sein der einzige Engel in reinster Gnadenzeit
Und während ich warte, knacken die Gewehrverschlüsse
Ob ich dich jemals wieder küssen werde…

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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sinnin‘ is the wind …

sinnin’ is the wind
the fly imprisonèd
vom fensterladen
paramount pictures
jumpin’ into the nought
somehow abendfüllend

ein alter wind
ich weh’

un vociferare portento
ein munkelausbund

[kursiv: so im original]

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look man …

look man
I’m black man
e frantumò
la bottiglia
di birra
my grandfather
second world war
e tutti gli GI
appena tornati
dal Vietnam
attorno a me
si strinsero

neofita maoista
che fui a
discutere con
un loro capo
che s’era mostrato
affabile del Vietnam
lì vicino al Reno
mentre suonavano
sul palco del festival
di musica popolare

e niente bombe
solo parole del cazzo
peggio d’un preservativo
che scoppia
che genera pelli
così e cosà

in seguito imparai
a diventare un seguace
della madonna di
quei filosofi che dicono
senza l’aver mai letto

“Kant ha ragione”
(Gadda)
senza esser
mai stato
in Vietnam
ma neanche a Parigi
di cui conosceva
ogni angolo

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che ti stia girando …

che ti stia girando
intorno una farfalla
è pur sempre
un bell’argomento

e ricordare le api
di nettare in nettare
quando l’estate
era ancora giovane

ma non essere sincero
come quel rosaio
mal annaffiato
dalle foglie secche

e niente più rose
mentre sbattono
contro il muro di fronte
gli ultimi rondoni

che cascano in alto
altro che foglie secche

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Die Bräute (November 1917)

Wenn der weiße Nebel steiget…
Wunderbar? Nein, wie Krätze und Läuse
Ein Stoßen und Drängeln hebt an auf dem Chemin des Dames
Die Bräute sind’s von Hurtebise
Immer wieder im November, sie fluchen und fluchen
Sie, Verlobte
Sie, Liebende
Sie, Geliebte
Ungewitter, jungfräulich, wirbelt
Aus jedem Schritt, lassen Erde erzittern
Die in ihr liegen, die Männer, ihr war einmal
Flehen weder Gott noch Himmel an
Ihr Schreiten skandiert ein Fuchsteufelswild
Und weh dem, der sich vertrödelt auf dem Chemin
Schwarz gehagelt, von Schloßen erschlagen
Verschluckt vom Mitternachtssturm
Junge Frauen, immer wieder, wie Wellen
Knurren und schreien und heulen
Wo die Verlobten, was Leib uns und Lieb’ ist gewesen?

Unersättlich der beißende Kuß in die Wange
Ich lehne mich gegen die Friedhofsmauer
Sei, Himmel, mir gnädig

Sonst bin, in dem Wirbel, ich vollends verloren.

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Danach (November 1917)

Nach dem Krieg
Zurück im goldenen Zeitalter
Mit deinen Augen als Fenster
Deine Träume wieder beschreiten: Weizen- Wiesen- Dickichtsein
Blaue Streifen weiße Streifen
Schwarze Spiegel teichgeboren
Deine samt’nen Lider
Meinen Küssen opfern
Ade Granaten, ade das Laden und Abfeuern der Gewehre
(Wie auch sollte mich das trösten?)
Ich seh’ doch deine Augen
Leben hat Wert dein Licht
Frei sein mit dir
Anliegen an deinen Wangen
Atem, der spielt mit verlorenen Locken
Und meinem Kummer, der plötzlich ausgelöscht sein wird.
Um dann etwas anderes zu wollen, ein anders anderes
Ein Kind vielleicht
Dessen warm pulsierender Körper
Das wahre Ende der Finsternis
Leben Überlebende
Die unsere waren für so kurze Zeit

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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diese sätze …

diese sätze
denen du
nicht glaubst
und auch nicht
den farben
der blüten über
den schlaff
herabhängenden
blättern

ihr halb und halb
und überhaupt
blumen!
die farben
der wörter
die sich nicht
fügen

schwarze punkte
rostiges eisen
eine wolke zog
und zieht vorüber

steh’n dann im tröpfeln
die sich straffenden
blätter berühren

diesen satz glauben
die farben verlieren

schwarze punkte
die sich verdichtend
den tag ausradieren

selbstlaut werden

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXVI (Er antwortet auf zwei Verse…)

Er antwortet auf zwei Verse, die ihm der maghrebinische Dichter geschrieben, der nach Ägypten gegangen und dann zurückkehrt war

1
Glänzt vielleicht dein Brief durch die Ornamente, mit denen ihn verziert,
der ihn schrieb, oder ist dort ein Garten, über den sich Wolken ergossen?

2
Oder wurden aus höchster Sphäre, und es kann nicht anders sein,
auf die Zeilen die leuchtenden Sterne versetzt?

3
Doch erfrischte ich mein Auge mit einem seiner farqad (*),
der leuchtend glänzt neben seinem Gefährten.

4
Du gingst an Ägyptens Horizont auf, und dein Licht breitete sich aus,
und sie sagten: „Ein Mond geht auf im Westen.“

5
Im Westen liegt der Ozean, und die Gezeiten seiner Wellen
haben bereits den ägyptischen Nil überstiegen.

6
Und als er im Rückfluß sich zurückzog, hinterließ er bei den Leuten
allerlei Wunderdinge, von denen überall die Rede ist.

7
O Ritter der Dichtung, dessen Rivale beim Improvisieren
ausgefallener Dinge mit dem Tode Zuhayrs gestorben ist.

8
Du bist wie das Meer, das von selbst überquillt, ob schon
die Flüsse seiner Ufer ihm nicht in ganzer Fülle zufließen.

(*) farqad (so im italienischen Original der Übersetzung aus dem Arabischen belassen): „Den Polarstern stellte man sich als Antilopenkalb (farqad) vor. Häufig werden die beiden Sterne α und β des kleinen Bären die beiden Antilopenkälber al-farqadân genannt [der Polarstern entspricht dem Stern α]. Des al-Farqad gedenken die Dichter häufig als ihres treuen Genossen auf nächtlichen Reisen […]. Georg Jacob: Altarabisches Beduinenleben. Berlin 1897.

Ibn Hamdîs, Diwan, XXIV

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