noch ungeboren …

noch ungeboren
die hände
im seifenschaum
und hastig
ein himmel
im bleibenstraum

lippen die stumm
sich falten
zum gebet zum
ferme ta gueule
sag jetzt mal nichts

zwar, sie zucken
wissen ums warum

die hände nur noch haut

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Mütter (November 1917)

Prosaische Gottheiten, eingeschlossen in die Nacht der Küchen
Blaue oder weiße Schürzen – ab dreißig dann schwarze
Wir haben die Kleinen gewickelt und nicht gespart
Mit Zärtlichkeiten, unaufhörlich, das einzig Wahre
Am Brunnen der Liebe besänftigte Ängste, nie versiegende Quelle, Milch des Lebens
Es brauchte Schritte, es brauchte Mühen und Nächte
Wer weiß schon, was es bedeutet, mit vollen Armen diese Zärtlichkeit zu leben
Unter der Last, sie wachsen zu lassen, brach unser Körper zusammen
Rituale, ernste Tänze und vor allem Respekt – haben wir ihnen alles beigebracht
Alles – Respekt und nochmals Respekt – es war nie genug
Auf die harte Art erzogen
Sie wurden großgezogen
Und welkten dahin beim Vereiteln ihrer Wünsche, denen sie Gehorsam schuldeten
Dann eines Morgens im Sommer, wenn es dämmert, ohne ein Warum
Wir sahen sie gehen – deutlich noch die Erinnerung an das triefende Taschentuch
Man versieht sie mit Schrott auf dem Kopf, an den Armen
Sie graben – nur dafür haben wir sie empfangen –
Gräber und Gräben
Gräben und Gräber
Ihre schmutzverschmierten Briefe
Voller Liebe für uns in der Ferne und voller Hass für die Vettern dicht dabei
Notfackeln in der Nacht der Ailette
Die ihre erschreckten Gesichter bescheinen
Und im Hagel der Granaten geht alle Ehrfurcht flöten, die ihnen auf der Stirne geschrieben
Heut’ am friedlichen Platz sitzen sie, die Mütter, murmeln leis’ noch die Vornamen
Streicheln Frätzchen, schaukeln gemach ihre kleinen Körper, die sich davonmachen
Ein Lied, das sich erinnert, was hätte sein können
Der Krieg hat nunmehr weder Hoch- noch Nachsaison
Und die Menschen auf der Suche nach etwas Neuem für sich an diesen Herbstufern
Es ist spät, und die Novembermütter da unten haben aufgehört, auf ein “merci” zu warten.

Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXIV (Nicht weiß, daß Lieb‘ in mir wohnt…)

1
Nicht weiß, daß Lieb‘ in mir wohnt, wer tadelnd
ein freies Herz hat und ein frei blickend Aug‘.

2
Meine Leidenschaft, mein Traurigsein, er kennt sie nicht.
So gehe denn hin zu ihm, was mir Leiden schafft, aber nicht das Traurigsein,

3
damit die Flamme der Liebe sein Herz entzünde
in seiner Brust und Schutz dann suche in der meinen.

Ibn Hamdîs, Diwan, XXIII

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Rückkehr der Gespenster (November 1917)

Verdreckte Lumpen
Joppen voller Läuse
Ins Gras beißen vor Gewehrläufen, als tote Hand, so kehrt ihr wieder
Eure Klagen, eure zerrissenen Lippen
Was, November-Gespenster, habt ihr mir vorzuwerfen?
Gut, ich bin beleibt und frei gealtert im Frieden
Ich weiß
Müh’ ist und Freude und Schreiben und Singen
Ihr, die man abgepflückt und zum Untergang geführt,
Kaum blieb euch Zeit, euch zu behaupten, fiebernd die Arme auszustrecken
Kaum nannten euch die Mütter beim Namen, wart ihr schon bei den Ahnen
Nein, wir werden zu eurer Ehre keine Blumensträuße niederlegen
Ja, was denn? sagen sie der Reihe nach
Und das plötzliche Tausendstimmengewirr
Läßt alle Krähen auffliegen
Wisse, wir kehren zurück, dir zu sagen, daß du lachen sollst
– Die Kieferknochen noch immer voller Ton und Kreide
Und plötzlich tadeln mich meine Sorgen und meine Angst vor dem Winter –
Tanzen sollst du, so ihr Geschrei, tanzen auf den schrägen Schatten unserer Kreuze, die die ganze Erde einnehmen
Laß die Radieschen rot, das Korn gelb werden
Beiß in den Apfel der Zeit
Platz einfach vor Freude
Lebe
Und deine Novemberhommage gilt alles, was Blumen sind

Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXIII

Er beschreibt einen Mühlstein

1
Schau, wie er sich dreht im Kreise;
die Achse steht scheinbar still und doch bewegt sie sich.

2
Wenn er genährt vom Korn des Ackers,
erfüllt er seine Pflicht der Barmherzigkeit.

3
Du glaubst, er werfe uns Silbersand zu,
während doch aber Gold aus ihm regnet.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XXII]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXII

Er beschreibt einen Fluß

1
Schau ihn dir an, sein Wesen entspricht der Natur des Wandelbaren.
Er kriecht gleich einer Schlange, die Wellen ihre schuppige Haut.

2
Wenn über ihn des Zephyrs Pfoten streichen,
kommt er dir vor wie ein Damaszenerschwert.

3
Ich näherte mich dem Ufer, und die Sterne der Nacht
neigten sich, kullerten wie Perlen, die noch ungebohrt.

4
Den Westen durchquerten Lanzen, die nicht abprallten,
die, sah man genauer hin, nichts als Sterne waren.

5
Der Osten hielt in Händen die Alchemie der Sonne,
und ins Silber des Wassers geworfen, ward daraus Gold.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XXI]

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Germains Blumen (November 1917)

Germain
Laß, daß ich ein Weilchen die Blumen trage, die in deinem Garten gediehen
Ich will bei dir sein, wenn die Blütenblätter
Auf dem Eis der Steinplatte
Die braunen Blätter leicht berühren, und das Atmen wieder beginnt
Mitten im November
Am elften, sicher, auch um den elften herum
Waffenstillstand, und um sich greift
ein kleines Glück mit seinem Friedensfest
Sieh die Ailette, Narbe, die zu diesem See geworden, gespickt mit Segeln
Und die Fahrräder, die dort unten einander kreuzen
Kindergeschrei wie Schellengeläut statt rasender Trauerklagen
Die Kleinen laufen am Strand den Vätern in die Arme
Diese nicht toten, nicht durchsiebten, nicht füsilierten jungen Männer,
Die dem alten Jahrhundert den Rücken kehren
Und Hallo sagen zu ihrem Leben
Ganz ohne Schutzhelm und Wickelgamaschen
Germain
Leg deine Blumen mit mir nieder
Ich werde sie täglich grüßen, wenn du zurück sein wirst in der Heimat
Mach dir keine Sorgen
Leg deine Blumen nieder
Ich kümmere mich darum
Ganz sacht, ganz wie mit Fingerspitzen
Sie werden hübsch aussehen im Winter
Ich wohn’ gleich um die Ecke

>>> Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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an der wand
der schatten
der glühbirne
links daneben
spinnwebenreste
wie risse
im mauerwerk

und im gehör
das aufheulen
des kankerwagens

o videsne
daß schatt’ nur
stäupt was
licht nicht weißt?

tramontana
wehte kalt ins haus
ligna super foco

leg nach
schenk ein

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXI

Er beschreibt eine Kerze

1
Eine Lanze aus Wachs, aufrecht im Kandelaber;
und ihre Spitze eine Flamme.

2
Vom Feuer aufgezehrt die Eingeweide,
und gold’ne Zähren drum, die dem Aug‘ entsprießen.

3
Ihr Licht im Finstern erfüllt dasselbe Amt
Wie für uns die Genugtuung in der Empörung.

4
Und wundere mich über sie, die an ihrem Körper zehrt
mit einer Seele, die ihr im Vergehen wird.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XX]

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Auf dem Chemin des Dames (November 1917)

Ein Vogelflug oben im Himmel
Unten im Tal am Ohr das Atmen der Flügel
Das Umblättern einer Seite
Und träume, wie die Schwungfedern, statt gegen den Wind zu kämpfen,
Die Luft unter sich ansaugen,
Sich tragen lassen
Schreibertraum, einmal losgelassen, keine Feder mehr aufs Papier zu setzen und hadern
Mit der Bewußtheit eines Mitten-im-Tag
Um so mehr, als der Wind wieder fährt
Ins wie auch immer tote Tausendlaub
Die Haufen an den Stämmen schmiegen sich ihnen im Anders an
Laub, das den Lockruf der Bestien verbarg
Und bedauern (früher war’s besser) die Zeiten, wo man sich mit Haut und Haar verschlang
Nein, es ist nicht mehr die Zeit der Mord säenden Geschützfeuer
Die Jahreszeiten sind wieder da
Wir werden nicht mehr in den Wald gehen, unsere Cousins zu metzeln
Auf dem Chemin des Dames herrscht Frieden
Schließlich und endlich.

>>> Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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