Zur Front (Dezember 1917)

Tief atmend, schrill ins Vertikale dann pfeift
Im ausgehenden November der Zug
Dein Schaudern beim bloßen Hauch von Dampf
Alarm Alarm
Du ziehst den Kragen hoch
Dürftiger Schutz vor der Kälte, die kommt
Reibst dir Flugasche aus den Augen
Bereits schwarz geworden, die Finger
Plötzlich nichts als dichter Nebel
Macht sich mürrisch über die Stiefel her
Zieht sich am Mantel empor
Benimmt dir die Eingeweide
Ausharren im Körper, dass sich der Schwaden verzieht
Hinter dir Herbsthusten, Tabakhusten, das überlappt sich
Rüpelworte, als man sich streitige Taschen durchs Fenster reicht
Nichts entgeht dir, wie als wenn – schwarze Gedächtnisnacht –
Der Zug fährt an, ist abgefahren
Dann auf dem Trittbrett ein Weilchen noch im Wind
Umschwemmt als roter Eisschwall Haut und Haar und alles
Und die Mechanik singt dazu – barocke Threnodien
Schwingungen eines gigantischen Nachtinsekts
Du eilst in den Gang – Gestank nasser Kleider, schmutziger Gewohnheiten
Vor dem Hintergrund dumpfen Knatterns sind nur noch
Zu hören die langsamen Ruder des Bootes
Die den Bug ins Vage vorstoßen lassen
– Stumme Kadenz –
Und resigniert
Läßt du die Stirne sinken

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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peripherien lesen …

peripherien lesen
ihre geräusche
ihr klopfen an der tür
als ihm die kippe

den aschenbecher
auf dem ungeraden
tisch schaukeln ließ

mich umdrehen zur tür
mit den achseln zucken

ein “du nicht” behaupten

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s’intendessi …

s’intendessi
“sentimenti”
le parole non le avrei
scelto
“sapientemente”
e i fiori puzzan
di cimitero
di pensieri
e le rose d’autunno
sono assenze
e tutt’un tutt’i santi

nel bisogno la parola
non ha bisogno di dire
bisogno, ma s’inizia

 

[in polemica con una poesia di Alda Merini citata su fb che non mi convince:
“Ho bisogno di sentimenti,
di parole, di parole scelte sapientemente,
di fiori detti pensieri,
di rose dette presenze”]

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Speigel („Mirror“ von Sylvia Plath)

Silbern bin ich, haarscharf. Vorurteile? Kenn ich nicht.
Was auch immer ich seh’, ich schling’s hinunter
So wie’s ist, ob es nun schmeckt oder nicht.
Nein, ich bin nicht grausam, nur ehrlich –
Auge eines kleines Gottes, viereckig.
Meistens meditier’ ich an der Wand gegenüber.
Sie ist rosa, hat Flecken. Lang’ schon sah ich sie an.
Und denk’ sie als Teil meines Herzens, ihr Flackern.
Immer wieder trennen uns Gesichter und Dunkelheit.

Jetzt bin ich ein See. Eine Frau beugt sich über mich.
Versucht, in mir zu erhaschen, was sie wirklich ist.
Ihr Blick dann wieder Lüge, ob Kerzen oder Mond.
Ich seh’ ihren Rücken und spiegel ihn treu.
Sie belohnt mich mit Tränen und Händen, die flehen.
Ich bin ihr wichtig. Sie kommet und gehet.
Jeden Morgen ihr Gesicht, das die Dunkelheit ersetzt.
In mir ertränkte sie ein Mädchen und ein altes Weib
Nähert Tag für Tag sich wie ein scheußlicher Fisch.

Original von Sylvia Plath u.a. hier

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ich altes weib …

ich altes weib
ich schneid’ mir ab
die zung’
die zichten will

wie mit reisig
der buckel
beladen dort aus
dem wald

sag nichts dem
weiher dort
der beschimpft
was in ihn schaut

und sich zichten
da labet sich
wer am kragen hat
als -chen -chen -chen

den, der selbst
sich meint
im altweibbild
als -chen -chen -chen

gewölk zieht auf
und “völkchen” sind’s

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Fronturlaub (November 1917)

Und dann bekam er ihn
Zwei Jahre drauf gewartet, er weiß es nicht mehr
Er hört
Im kalten Raum, wo man’s ihm sagte
Den einen Offizier sich lustig machen
Es solle gefälligst aufpassen
Daß ihm der Frieden
Nicht den Boden unter den Füßen entziehe
Rundum beißende Stille
Statt scheußlicher Taten
(Wie viele noch? Die fallen – müssen?)
Und dann Retour charmantes Getue
Freude Tätscheln Schulterklopfen Lächelei
Es kommt ihm wie nicht wirklich vor
Nur, daß es im Gedächtnis haften geblieben
Er verläßt das Rathaus
Wehrpass in der Hand und die Treppe hinab
November-Sonnenuntergang, der auf seiner Stirn explodiert
Tränen auf dem Kragen der Matrosenbluse
Schritte auf Kies wie auf dem Weg zu Mireilles Haus
Sonnenräder werden kommen, später dann Mimosen – aber da ist er wieder fort
Unglaublich dröhnt das Mittelmeer
Pass auf, daß du nicht verrückt wirst
Oh ja, daß er sich rasiert, wird ihm keiner nehmen
Glatt proper gravitätisch wahrhaftig: Er
Endlich das Klavier berühren und Mireille, die Bücher
Und dann zwei Wochen lang verlegen, stumm, das Erröten
Bis die alte Maschine
Ihn wieder aufnimmt
In ihre Stahlbacken inmitten Schlamm und Regen

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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Kummerchor (November 17)

Nach dem Vorbild ihrer Scheunen
Errichteten unsere Kawenzmänner Kirchen und Abteien
Die sie ins Tal stellten
Es hübsch zu machen und zu meditieren
Fromm im Schatten
Der Jahrhunderte während
Ihre Handflächen dem Stein ihre Liebe zur Jungfrau übertrugen
– Erträumt von Kindheit an neben dem Knistern der Kaminfeuer –
Ruhig lächelte die sinnliche Schönheit
Eine lange lange Zeit
In ihr vermischten sich Mutter und Freundin
Ich war das Kind auf dem linken Arm
Im Schutz der eleganten Falten der Madonna
Eines Tages dann – ohne Vorwarnung ohne Grund –
stürzten sich Berserker auf die wohlgefügten Blöcke
Und was Meisterhand erschaffen, fiel in den Bach
Zerbröckelte im Wasserlauf
Granaten Maschinengewehre der Schreie untröstliches Echo
Alles vereinte sich gegen die kunstvollen Chöre
Katapultierte Kapitelle geplatzte Tympana
Das Lächeln des Engels dem entvölkerten Himmel zugewandt
Schiffe versanken und Kirchenfenster
Was in den Kreuzgängen zerbarst, kippte um in wilder Empörung
Und wir heute hier
Befragen die Ruinen an den Nachmittagen im November
Das Tal ist hell, vag nur erheben die Schemen
Der Pfeiler sich über der verbliebenen Leere
Verstimmt gesungene Psalmen der Stille in Moll

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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wenn’s deucht …

wenn’s deucht
glaub nicht dem dir
nicht mehr als dem
was feucht
über wangen
dir an licht
die lampe gießt
die spiegelt sich
und glaub es sei
ein docht
ihm doch erlaubt
zu dünken
daß dir leucht’
ein wenglein licht

so dicht‘ ich dich

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Schön schöner – Chemin (November 17)

Aufreizend gekleidet Fräuleins und ihre Favoriten
Wegestaufe mit Novemberlied: Es regnet, es regnet, die Erde wird naß
Helle Stimmen und weitab dort die Kutschenkirmes
Ringelpietz mit Adelsprädikat, verpuffte Welt
Von den Dames bleibt nur noch der Nam’
Schweben durch die Lüfte im Einerlei der Jahre
Schöne Damen von einst
Liebkosende Blicke auf blonden Weizen und verwunschene Täler
Dann nur noch violette Stille, die auf ihre Stunde wartet
In Bayonne schärfte man die Klingen
Anderswo wurden Gewehre aufgestellt
Lauernde Fabriken im Schatten des Jahrhunderts davor
Dann, auf ein geheimnisvolles Zeichen der neuen Zeit
Fiel auf die Helme Schrott vom Himmel
Und Bauern übten sich im Schaufeln
Begruben sich hastig in Löchern aus Schlamm
Und es hieß Durchhalten Durchhalten Durchhalten
Anders gesagt sterben
Noch heute schwebt hier Pulvergeruch
Heftiger Nebel, der in die Lungen dringt
Oh diese Stille
Auch der Regen läßt jetzt in Ruhe den letzten Schrott, der da immer noch liegt
Und man fragt sich
Wo sind in dieser herrlichen Wüste die Leichen geblieben
Man schaut ins Weite
Übersieht die Kreuze, ihr Durchkreuzen von Leben
Und deren Schatten dennoch
Den Horizont zerreißen

Original bei “Je peins le passage” von Raymond Prunier

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i’ve got six …

[…] ma non avevi occhiali,
non potevi vedermi
[…]
Montale, Xenia I

i’ve got six
got to gaze them
ohne brille

stolpern über
loiber die
wörter mit l
und mit b
e perdere
l’equilibrio
und pardauz
il gelo
commistio
tra xenia
e жена
seh’n sich so gleich
und ihnen ähnlich

es müssen
wohl sechs
gewesen sein

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