Germains Blumen (November 1917)

Germain
Laß, daß ich ein Weilchen die Blumen trage, die in deinem Garten gediehen
Ich will bei dir sein, wenn die Blütenblätter
Auf dem Eis der Steinplatte
Die braunen Blätter leicht berühren, und das Atmen wieder beginnt
Mitten im November
Am elften, sicher, auch um den elften herum
Waffenstillstand, und um sich greift
ein kleines Glück mit seinem Friedensfest
Sieh die Ailette, Narbe, die zu diesem See geworden, gespickt mit Segeln
Und die Fahrräder, die dort unten einander kreuzen
Kindergeschrei wie Schellengeläut statt rasender Trauerklagen
Die Kleinen laufen am Strand den Vätern in die Arme
Diese nicht toten, nicht durchsiebten, nicht füsilierten jungen Männer,
Die dem alten Jahrhundert den Rücken kehren
Und Hallo sagen zu ihrem Leben
Ganz ohne Schutzhelm und Wickelgamaschen
Germain
Leg deine Blumen mit mir nieder
Ich werde sie täglich grüßen, wenn du zurück sein wirst in der Heimat
Mach dir keine Sorgen
Leg deine Blumen nieder
Ich kümmere mich darum
Ganz sacht, ganz wie mit Fingerspitzen
Sie werden hübsch aussehen im Winter
Ich wohn’ gleich um die Ecke

>>> Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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an der wand
der schatten
der glühbirne
links daneben
spinnwebenreste
wie risse
im mauerwerk

und im gehör
das aufheulen
des kankerwagens

o videsne
daß schatt’ nur
stäupt was
licht nicht weißt?

tramontana
wehte kalt ins haus
ligna super foco

leg nach
schenk ein

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Ibn Hamdîs, Diwan, XXI

Er beschreibt eine Kerze

1
Eine Lanze aus Wachs, aufrecht im Kandelaber;
und ihre Spitze eine Flamme.

2
Vom Feuer aufgezehrt die Eingeweide,
und gold’ne Zähren drum, die dem Aug‘ entsprießen.

3
Ihr Licht im Finstern erfüllt dasselbe Amt
Wie für uns die Genugtuung in der Empörung.

4
Und wundere mich über sie, die an ihrem Körper zehrt
mit einer Seele, die ihr im Vergehen wird.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XX]

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Auf dem Chemin des Dames (November 1917)

Ein Vogelflug oben im Himmel
Unten im Tal am Ohr das Atmen der Flügel
Das Umblättern einer Seite
Und träume, wie die Schwungfedern, statt gegen den Wind zu kämpfen,
Die Luft unter sich ansaugen,
Sich tragen lassen
Schreibertraum, einmal losgelassen, keine Feder mehr aufs Papier zu setzen und hadern
Mit der Bewußtheit eines Mitten-im-Tag
Um so mehr, als der Wind wieder fährt
Ins wie auch immer tote Tausendlaub
Die Haufen an den Stämmen schmiegen sich ihnen im Anders an
Laub, das den Lockruf der Bestien verbarg
Und bedauern (früher war’s besser) die Zeiten, wo man sich mit Haut und Haar verschlang
Nein, es ist nicht mehr die Zeit der Mord säenden Geschützfeuer
Die Jahreszeiten sind wieder da
Wir werden nicht mehr in den Wald gehen, unsere Cousins zu metzeln
Auf dem Chemin des Dames herrscht Frieden
Schließlich und endlich.

>>> Original bei ‘Je peins le passage’ von Raymond Prunier

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Ibn Hamdîs, Diwan, XX

Er macht eine Satire auf einen Strauß Blumen

1
So ein Strauß aus wunderschönen Blumen,
und riechst an ihnen und riechen nach nichts.

2
Wie lauter Leute beisammen, und alle picobello,
umsonst das Suchen nach einem Scherflein Bildung.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XIX]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XIX

1
Zu Unrecht straftest du meines Herzens Zärtekeit
mit deines Herzens Härtekeit.

2
Zwangst meinen Körper, siech zu sein;
was denn aber heilte all deine Arzenei?

3
War dir vielleicht die Wut aller Feinde
gerade recht für deinen Geliebten?

4
Wer verleiht mir die schöne Festekeit,
dir deine Härtekeit zu zähmen?

5
Oh! es brennet mein Wunsch in der Ferne,
deine Nähe zu atmen.

6
Warum nicht ein Heer ausschicken, daß dich
zwingt, einen Wangenkuß mir zu gewähren?

7
Eine Wange, in die dein HErr
die Rose seiner Kunst getaucht.

8
Schon bist du geneigt, Frieden zu schließen mit mir,
wie ich geneigt gewesen zum Kriegsfuß mit dir.

9
Schon um deiner Gefallsucht willen,
die deiner Eitelkeit Grazie verleiht,

10
löse von den Ketten ein Herz,
dem deine Liebe das Siegel aufgedrückt,

11
und tu mir einen Gefallen, denn Unglück schon
bescherte der Tadel, mit dem du mich belegt.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XVIII]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XVIII (Bei meiner Seel‘!…)

1
Bei meiner Seel’! Sie meinten, nein, waren sicher sich wegen
gewisser Anzeichen, die den Verliebten verraten,

2
und sagten: “Geht und forscht nach dem Angelpunkt seiner Liebe,
denn keine Kugel ist, die nicht um ihre Achse sich drehe.

3
Befragt ihn und lauscht, ob ihm beim Sprechen etwas entschlüpfe,
damit man entdecke seines Geheimnisses Liebesgrund.”

4
Einige meinten, es sei meine Liebestreulosigkeit
schlimmer noch als der Verrat in Zeiten des Krieges.

5
Denunzianten oder Gefährten, ich fürchtete sie beide,
doch weder jenen noch diesen war’s zu lüpfen gegeben den Schleier,

6
der hauset ganz bei mir an seiner Stelle, wie einer, der
fort gewesen und, wieder daheim, nur sagt: “Es geht mir gut.”

7
Oder gibt es, bei meines Vaters Namen! für mich nicht eine unter den
zarten Mädgen? Und kennten sie diese eine Gazelle aus der Herde heraus?

8
Getötet ward ich, aber ich weiß nicht, bei Gott, wer mich getötet,
um mich an ihm zu rächen vor dem Herrn.

9
Wenn sie mich fragen: “Wem gehört deine Liebe? Wie heißt sie?
Woher kommt deine Trauer? Und welchen Quell hat dein Kummer?”

10
dann nenn’ ich allerlei Leute, und sie schenken mir Glauben,
doch die Zunge spricht nicht so, wie‘s Herze gesinnt.

11
Wollen etwa die Übelredner das Geheimnis dessen durchdringen, der
es verbirgt? Er will as-Suhâ, meint er nicht vielleicht ihre Gefährtin?

[Ibn Hamdîs, Diwan, XVII]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XVII

Er beschreibt eine Schenkin

1
Ach! Schöne einer Schenkin, ihre Finger eins mit dem Bräutigam,
dem Wein, den sie reichen, geschmückt mit Ketten aus Schaum.

2
Sie schenkt dir ein die Sonne, ihr bestes aus Trauben gemacht,
Sonne, die aufgeht auf den Spitzen der Finger.

3
Und erwacht in ihrem Busen, ihre Gesänge
verscheuchen, was man so Pflege und Obhut nennt,

4
als wären die Körper, sie weiß ja, wie’s geht,
so gingganz von Frohmut beseelt,

5
und als wär’ ihre Hand ein Mund schon, aus der wie
durch Zauber das Plektrum ein Sprechen entspinnt.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XVI]

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Ibn Hamdîs, Diwan, XVI

1
Morgens bin ich heiter und zufrieden;
das Glas beschert dem Jüngling Wonne.

2
Sieh die Kecke dort, deren Wange vor Scham
sich wie Klatschmohn gebärdet.

3
Sie trägt am Busen ein hohles Instrument, mit einem Hals
an einem Rücken, der einem Buckel gleicht.

4
Sie streckt die Hand danach aus, und wenn sie darauf spielt,
wird hinfällig, was man sonst so Obhut nennt.

5
Als spielten sie, die Hand und ihre Schwester,
mit Fingern auf dem Rechenbrett und reichten dem Ohre das, was zählt.

6
Und ich: “Schaut doch das Wunder! Sie zettelt einen Zauber
und bringt das Holz zum Sprechen.”

7
Der Wein im Glas: als zuckte flammend
ein Blitz aus der Wolke.

8
So alt, als habe Zeit sein langes Leben
ihn zum Hort ihrer Jahre erwählt.

9
Korallenwasser, das aufschäumt, und dir
sind’s Perlen, was als Bläschen darin aufsteigt.

10
Trunken schon macht ihn sein Geruch, wie erst wird
dem Trunkenen, der davon trinkt?

11
Da stößt ein Andrer Seufzer aus, in den Gemütern will Mitleid
sich regen, das dann bezaubert ihnen unterliegt.

12
Ein Spielmann ist’s, dessen Finger Melodien hervorlocken
aus den Löchern, die der Pfeife er beigebracht.

13
Er bläst ins Mundstück seinen Atem,
daß aus dem Rohr als Klang entweicht,

14
dessen klare Töne sich anhören,
als quietschte in den Angeln des Paradieses Tor.

[Ibn Hamdîs, Diwan, XV]

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manchmal ist es ja …

manchmal ist es ja
auch der wind
der gegen die tür tritt
niemand sonst

sie wutentbrannt
zu öffnen wäre
eine enttäuschung
nichts zeigte sich

und wie immer
mariechen mariechen
in ihrer kemenate

singt ein kommt ein
vöglein geflogen

und läßt auch noch
die anderen türen

von ihren tritten
widerhallen

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